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aus dem Reich der Toten
Früher
mussten Altertumsforscher Sarkophage aufstemmen, Mumien
auswickeln und ihnen mit dem Skalpell zu Leibe rücken, um an
wissenschaftliche Erkenntnisse zu gelangen. Heute können sogar
das Alter, die Blutgruppe und Krankheiten diagnostiziert werden,
ohne den vermummten Ägyptern nur eine Bandage zu krümmen -
Computertechnik macht's möglich. Mit Hilfe eines
Computertomographen, der bandagierte Köpfe von allen Seiten
durchleuchten kann, kann das Gesicht der Person auf dem Computer
berechnet und sichtbar gemacht werden: Die Daten des Tomographen
werden von einem Computerprogramm zu einem dreidimensionalen
Bild zusammengesetzt. Über eine am Computer angeschlossene Fräse
wird parallel dazu ein Kunststoffmodell erstellt. Der Kunstkopf
wird in diesem Prozess mit einer Wachsschicht überzogen, deren
Stärke sich nach den
Werten des Nasen-, Wangen- und Halsgewebes lebender Menschen
richtete - ein Verfahren, das heutzutage Kriminalisten anwenden,
um entstellte Leichen zu identifizieren. Frisur, Augenbrauen und
Schminke - getreu antiken Plastiken und Malereien - verleihen
der Büste zusätzlichen Pfiff.
Kaum
ein Stein blieb, wie er war
Im
15. Jahrhundert schossen ihr Mameluken-Geschütze die Nase weg.
Wüstenstürme, Abgase und Salze, die aus dem Grundwasser
aufsteigen, zehren an ihrem Kalksteinkörper: Die (oder: der)
4500 Jahre alte Sphinx von Gizeh ist chronisch krank, und seit
Ewigkeiten wird an ihm herumgedoktert. Der Amerikaner Mark
Lehner säuberte zwei Jahre lang alle Steine, hat jeden
vermessen, registriert und in ein Schema eingetragen. Es zeigt,
wer wann mit welchen Blöcken die 73 Meter lange und 20 Meter
hohe Pyramiden-Wächterin geflickt hat. Ausserdem fotografierte
Lehner die Sphinx mit einer Stereokamera, um das ursprüngliche
Aussehen am Computer rekonstruieren zu können. Die Ergebnisse:
Lehner glaubt, dass das Fabelwesen die Züge seines
Auftraggebers trägt, des Pharaos Chephren. Und: Thutmosis IV.
liess - mehr als tausend Jahre nach Chephren - vermutlich eine
Statue seines Vaters Amenophis II. vor der Brust der Sphinx
aufstellen und das Monument bei der Gelegenheit renovieren und
streichen - rot, gelb und blau.
Kommentar:
Umstritten
ist jedoch, ob die oder eben der Sphinx tatsächlich Cheops
darstellen soll. Möglich wäre es. Ist dies der Beweis, dass
die große Pyramide von Cheops erbaut worden war? Der grösste
Teil der heutigen Wissenschaft ist sich darüber nicht so ganz
im Klaren...
Ein
Hafen im Sandmeer
Vor
den Tatzen der Sphinx entdeckten Archäologen in den 80er Jahren
ein zugeschüttetes Hafenbecken. Dieses war über Kanäle mit
dem Nil verbunden. So konnten Granit- und Kalksteinblöcke aus
den stromaufwärts gelegenen Steinbrüchen von Assuan und Tura
direkt bis an die Baustelle in Gizeh verschifft werden. Zu Füssen
der Cheops-Pyramide stießen Forscher auf eine Doppelkammer mit
zwei vor 4600 Jahren gebauten Booten - den ältesten der Welt.
Eines wurde ausgegraben, das zweite soll in seiner Kammer
bleiben; zu groß ist die Gefahr, dass es durch eine plötzliche
Frischluftzufuhr verfällt. Mit einem Sonar stellen zwei
Geophysiker die genaue Lage des Bootes unter ihren Füssen fest.
Wie
starb Tutanchamun?
Noch
immer ist ungeklärt, woran der Pharao so jung gestorben ist.
Eine Röntgenuntersuchung der Rückenwirbel ergab: Tuberkolose,
wie zunächst vermutet, kann nicht die Ursache gewesen sein.
Mord? Eine Delle am Hinterkopf könnte die Folge eines Hiebes
sein. Der Knochensplitter trägt zur Lösung des Rätsels nicht
bei: Er stammt aus der Nasenhöhle, durch die bei der
Einbalsamierung das Gehirn herausgezogen wurde.
Siptah
hinkte ein Leben lang
Die
Entdeckung der Röntgenstrahlen eröffnete den Ägyptologen völlig
neue Arbeitsmöglichkeiten: Ohne direkt Hand anlegen zu
müssen, kann mit Hilfe der Knochenbilder das Geschlecht einer
Mumie bestimmt werden, die Abnutzung von Wirbelsäule, Gelenken
und Zähnen lässt auf das Sterbealter schliessen. Die Röntgenaufnahme
von Pharao Siptah aus der 19. Dynastie zeigt eine Verkürzung
seine linken Beines; Folge von Kinderlähmung. Der König ist
vermutlich auf Zehenspitzen gegangen, um nicht zu humpeln...
Ein
Affe im Sarg
Lange
glaubten Forscher, dass die Prinzessin Makare zusammen mit ihrem
Kind bestattet wurde. Erst eine Röntgenuntersuchung der kleinen
Mumie förderte eine verwirrende Tatsache ans Licht: Kein Kind,
sondern ein Pavian ist ihrem Sarg beigefügt worden. Warum das
geschah, ist bis heute ein Rätsel...
Spurensuche
mit der Super-Lupe
Gewebeproben
unter dem Elektronenmikroskop: Anhand der roten Blutkörperchen
wird die Blutgruppe einer Mumie ermittelt. Und noch nach
Jahrtausenden deutet bei einer Mumie die eingekapselte Trichine
auf ein Trichinose Leiden hin...
Im
Wettlauf gegen die Vergänglichkeit
Sechs
Jahre dauerte die Restaurierung des Nefertari-Grabes im Tal der
Königinnen bei Luxor. Salz, das im Kalkstein, im Putz und in
den Mineralfarben gebunden ist, hatte mit Feuchtigkeit reagiert
und die Dekoration buchstäblich platzen lassen. Die
Konservatoren säuberten zunächst die mit Spinnweben, Staub und
Russ behafteten Wände. Dann kratzten sie die Rückseiten abgeblätterter
Teilchen vom Salz frei und fügten sie mit einem trockenen
Spezialmörtel wieder ein. Wo die Zierde sich erst von der Wand
zu lösen begann, wurde der Zwischenraum mit einem Acrylharz gefüllt
- per Pipette oder Injektionsspritze, Quadratmilimeter für
Quadratmilimeter. Waren Bruchstücke und Farben
unwiederbringlich verloren, wurden sie auch nicht
wiederhergestellt, um die Ursprünglichkeit des 3250 Jahre alten
Kunstwerkes nicht zu verfälschen. Mit dem Auszug der
Restauratoren kehrte wieder Stille ein in das Grab der
Lieblingsfrau von Ramses II. Touristen haben keinen Zugang. Ihre
Ausdünstungen würden das verheerende Wirken der Salze
reaktivieren.
Jeni
mit dem festen Biss
In
den ausgehöhlten Schädel der Priesterin Tjentmutenetiu
stopften die Einbalsamierer harzgetränktes Leinen. In den
Augenhöhlen schoben sie vermutlich Obsidian, glasartiges
Vulkangestein. Eine Überraschung bot "Jenis" Gebiss:
In bester Verfassung und mit frisch gewachsenen Weisheitszähnen.
Denn zumeist waren die Zähne der alten Ägypter arg
verschlissen - vom Sand, der beim Mahlen des Getreides ins Mehl,
folglich auch ins Brot gelangte. Jeni, so der Befund der
Zahnexperten, könne höchstens 23 Jahre alt geworden sein.
Kopfgeburten
auf dem Bildschirm
Die
Sängerin Ta-Bes wurde 3000 Jahre nach ihrem Tod ins Bostoner
Brigham Young Hospital eingeliefert. Sie starb, als die Kunst
des Einbalsamierens ihre höchste Fertigkeit erreicht hatte. Wie
die Präparatoren ans Werk gegangen waren, rekonstruierte der
Computertomograph - ohne dass Ta-Bes Sakrophag geöffnet werden
musste. 271 Schnittbilder auf denen sich Bandagen, Knochen und
Haut durch ihre Gewebe unterscheiden, setzte der Tomograph zu
einem dreidimensionalen Kopfbild zusammen. Der Schädel selbst
war leer: Wie üblich hatten die Einbalsamierer das Gehirn mit
Metallhäkchen durch die Nase entfernt.
Abusir
Elf
Kilometer südlich von Kairo liegt das Grabungsfeld von Abusir
(Abu Gurob).
Abusir gehört neben Giseh, Dahschur und vor allem Sakkara zur
riesigen Nekropole von Memphis. Vier mehr oder weniger
verfallene Pyramiden und zwei Sonnenheiligtümer, die des
Ne-User-Re und des Userkaf aus der 5. Dynastie (2563-2423) sind
die wichtigsten baulichen Anlagen dieser Zone. In den Jahren
1902 bis 1908 untersuchte der Ägyptologe Ludwig Borchardt im
Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft die Nekropole von
Abusir.
Hier liegen undefinierbare Gesteinsbrocken, die mit
Aussparungen, Vertiefungen und Kernbohrungen versehen sind. Auf
sehr gut erhaltenen Stücken finden sich sogar noch Gravuren und
Zeichnungen. Eben diese über den ganzen Sektor verteilten
Kernbohrungen, die alle einen Durchmesser von ca. 80 Millimeter
aufweisen, waren es, die den Experten Rätsel aufgaben.
Was versteht man unter Kernbohrungen, und was ist so unerklärlich
daran?
Kernbohrungen sind nicht, wie irrtümlicherweise oft angenommen,
Bohrungen, die zum Kern des Gesteins dringen, sondern vielmehr
Bohrungen, die Gestein nach außen führen. Wir kennen
Kernbohrungen dieser Art erst seit der Erfindung von Alfred
Brandt aus dem Jahr 1876.
Man kann sich die Arbeitsweise eines Kernbohrers leicht
veranschaulichen, indem man sich ein an der Oberseite mit
Diamantsplittern besetztes Trinkglas vorstellt. Drückt man das
Glas mit einer Drehbewegung zum Beispiel in Styropor, so erhält
man eine Kernbohrung, weil der Kern des Styropors im Glas
stecken bleibt. Jetzt braucht man nur noch den Kern
herauszubrechen und erhält ein Äquivalent zu einer
geotechnischen Kernbohrung.
Das Material, das als Schneidematerial dient, muss stets härter
sein als das Werkstück. In Abusir handelt es sich dabei aber um
Diorit. Er gehört zur Hauptgesteinsgruppe der Magmatite (Erstarrungsge-steine),
ein grauweißes Tiefengestein von ungeheurer Härte,
Widerstandsfähigkeit und Verwitterungsbeständigkeit.
Das Gestein kann nicht mit Steinwerkzeugen, Holz, Knochen oder
anderen weicheren Werkzeugen in einer derartigen Präzision
bearbeitet worden sein. Zum Vergleich: Diamant ist mit dem Härtewert
10 das härteste Material. Diorit nimmt auf der Skala den Wert
8,4 ein. Die heutigen Kernbohrer durchlöchern Diorit immerhin
mit einem Pressdruck von 200 Atmosphären. - Wie waren die Ägypter
vor mehr als 4500 Jahren dazu in der Lage?
Hinzu kommt, dass der Bohrer in Rotation versetzt werden muss,
um eine derart exakte Bohrung zu erreichen. Wer lieferte wie die
Energie dazu?
Es ist behauptet worden, die Kernbohrungen von Abusir stammten
in Wirklichkeit aus unserer Zeit: Man habe Probebohrungen
durchgeführt, um die Härte des Gesteins zu testen. Der Einwand
ist unsinnig. Jeder Geologe kennt die Härtegrade der
verschiedenen Steinarten. Probebohrungen dazu sind überflüssig.
Zudem sind die Bohrlöcher bereits in Flinders Petries Buch »The
Pyramids and Temples of Gizeh« beschrieben und skizziert
worden. Flinders Petrie schrieb sein Buch im Jahre 1883!
In Abusir gibt es noch andere erstaunliche Meisterleistungen,
zum Beispiel ein prächtig bearbeiteter Sakrophag aus Granit
oder ein exakt bearbeitetes Steinrad mit Radnabe. Daneben gibt
es riesige künstliche Felsbrocken, in die Treppenaufgänge
geschnitten wurden. Am Rand einer Pyramide stolpert man über
eine Art Auffangbecken. Aus der Pyramide führt eine Rinne, die
mit dem Becken verbunden ist.
Die Frage drängt sich auf, woher die Ägypter ihr Wissen
hatten, um derartige Bohrvorgänge und Steinarbeiten durchzuführen.
Die Kernbohrung ist zweifellos eine sehr fortschrittliche
Bohrtechnik, die mühsam entwickelt werden musste. Aus welchem
Material bestand der Bohrschaft? Welches Bindemittel wurde
verwendet, um die Diamantsplitter am Bohrschaft zu verkitten?
Wozu dienten die Präzisions-Bohrungen überhaupt? Sollten es
Transportlöcher sein? Kaum, denn bei Transportlöchern müssten
auch andere Blöcke angebohrt sein.
Die
Anlage der Schächte in der Cheops-Pyramide
von
Robert Bauval
Es
ist eine unter Fachleuten anerkannte Tatsache, dass in den
Entwurf der Cheops-Pyramide - ebenso wie in den anderer
Pyramiden, wenngleich in geringerem Masse - grundlegende
Kenntnisse der Geometrie und der beobachtenden Astronomie
eingegangen sind. Die rein geometrische Form des Bauwerks, seine
Proportionen und seine exakte Orientierung an den
Himmelsrichtungen schließen jeden Zweifel aus. Viele Kenner,
die sich mit dieser Pyramide beschäftigt haben, stimmen darin
überein, dass die Wahl der Proportionen und der Winkel sehr
harmonisch ist. Und was die Orientierung des Bauwerks angeht, so
ist man sich darüber allgemein einig, dass bestimmte Sterne
anvisiert wurden, eine Methode, die man auch bei der Ausrichtung
bestimmter Bauteile im Innern angewendet hat.
Vor allem jedoch kam diesem monumentalen Bauwerk eine zutiefst
religiöse Bedeutung zu, da sein kultischer Hauptzweck darin
bestand, die Auffahrt des toten Königs in den Himmel zu
erleichtern. Mit anderen Worten, die Pyramide war ein Grab,
dessen Funktion wir in Ermangelung einer geeigneten Terminologie
als "astrologisch" bezeichnen wollen. Diese weithin
geteilte Ansicht findet ihre Bestätigung unter anderem in den
Pyramidentexten. Den religiösen Vorstellungen und Riten der
Pyramidenzeit zufolge wurde der König nach seinem Tod ein
Stern, und seine Astralseele wanderte zu den südlichen Sternen
im Sternbild des Orion und zum Sirius sowie zu den nördlichen
Sternen der drei zirkumpolaren Sternbilder Ursa Major (Grosse Bär),
Ursa Minor (Kleiner Bär) und Draco (Drachen). Die oberste
Aufgabe des alten Baumeisters bestand darin, diese Elemente der
Himmelsreligion in den Entwurf des Bauwerks aufzunehmen. Letzten
Endes diente die Pyramide dem Zweck, die Wiedergeburt des toten
Königs zu begünstigen.
Um dieses Ziel zu erreichen, legte der Baumeister seinem Entwurf
einfache geometrische Prinzipien zugrunde und benutzte rechte
und halbierte Winkel, die er aufgrund einfacher mathematischer
Verhältnisse bestimmte. Dennoch darf uns dies nicht zu der
Annahme verleiten, die elementare Mathematik sei ein
wesentlicher Aspekt des Pyramidenkults gewesen; sie war
lediglich ein Werkzeug, wenn auch vermutlich ein heiliges
Werkzeug, mit dessen Hilfe der Priester-Baumeister sein Vorhaben
ins Werk setzen konnte.
Mathematische
Astronomie oder astronomische Mathematik?
Zunächst
müssen wir uns fragen, worin der Auftrag des Baumeisters genau
bestand: Sollte er ein Bauwerk entwerfen, um Grundsätze der
heiligen Mathematik zum Ausdruck zu bringen, oder sollte er mit
den Mitteln der Mathematik die Pyramide so gestalten, dass in
ihr ein Kult vollzogen werden konnte, nämlich die Vorbereitung
der Auffahrt des toten Königs zu den Sternen?
Vielleicht lässt sich diese Frage besser beantworten, wenn wir
eine Analogie aus neuerer Zeit heranziehen. Im hohen Mittelalter
(und manchmal auch heute noch) wurden Kirchen mit einem kreuzförmigen
Grundriss angelegt und im allgemeinen nach Osten ausgerichtet.
Der Haupteingang lag an der Westseite, am Fuß des Kreuzes, was
bedeutete, dass die Gläubigen, welche die Kirche betraten, sich
in östlicher Richtung bewegten, wie Christus bei seiner
Auferstehung; Kirchen sind religiöse Monumente, die den Riten
der christlichen Religion dienen, Und diesen Erfordernissen
mussten und müssen die Baumeister entsprechen. Dazu bedienen
sie sich der Geometrie und der Mathematik, um auf symbolische
Art die liturgische Funktion des Kults zum Ausdruck zu bringen.
Auch die einzelnen Bauelemente der Kirche besitzen von jeher
eine tiefe symbolische Bedeutung: Die Kirchenkuppel stellt das
Himmelsgewölbe dar, der Altar symbolisiert den Kopf des Kreuzes
Christi. Wenn also eine solche Kirche (beispielsweise die
Kathedrale von Chartres) Jahrhunderte später von
Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete untersucht wird, so
lassen sich ihrer Anlage und Ausführung zweifellos Elemente der
«heiligen» Mathematik und der beobachtenden Astronomie
entnehmen. Dennoch wäre die Annahme irreführend, der
Baumeister habe hauptsächlich den Zweck verfolgt, mit seinem
Bauwerk Grundsätze der Mathematik oder der Astronomie zum
Ausdruck zu bringen. Die zutreffende Schlussfolgerung müsste
lauten, dass der Architekt sich der symbolischen Mathematik oder
der beobachtenden Astronomie lediglich als eines Mittels
bediente, um die liturgische Funktion des Gebäudes auszudrücken.
Dasselbe gilt für die Cheops-Pyramide. Auch hier sind die
Prinzipien der geheiligten Geometrie und der beobachtenden
Astronomie lediglich Werkzeuge in der Hand des Architekten und
sagen nichts über den Zweck und die Funktion des Monuments aus.
Die Aufgabe des Forschers besteht darin, die symbolische
Bedeutung eines solchen Entwurfs und seine Verbindung mit der
Liturgie des Kults herauszufinden. Diesem Prinzip folgt auch die
Untersuchung der vier Schächte der Großen Pyramide.
Ein
Bauauftrag auf der Grundfläche der religiösen Zielsetzung
Wir
wissen aus den Pyramidentexten, dass die Sterne des Nordens
ebenso wie die des Südens eine wesentliche Rolle bei den
Wiedergeburtsritualen gespielt haben und unmittelbaren Bezug zum
Sternenschicksal des verstorbenen Königs hatten. Nach den
bisherigen Untersuchungen ging es dabei um folgende Sternbilder:
a) Der nördliche meridionale Bezirk: die Sterne von Ursa Major,
Ursa Minor und Draco. Während der Pyramidenzeit (um 2500 v.
Chr.) war der hellste Stern
im Sternbild des Drachen, Alpha Draconis, zugleich der
Polarstern.
b)
Der südliche meridionale Bezirk: die Sternbilder Orion und
Canis Major oder Großer Hund (zu dem auch der Sirius gehörte).
Hierzu zählte außerdem das Sternbild des Taurus (Stier) samt
den Hyaden, das ebenfalls von kultischer Bedeutung war.
Die religiösen Riten, die nach dem Tod des Königs vollzogen
wurden, waren im wesentlichen die einer Wiedergeburt. Manche
haben sie als Osiris-Riten bezeichnet, da der tote König zu
einem Osiris wurde und zum himmlischen Reich dieses Gottes, in
das Sternbild des Orion, aufstieg. Zuvor mussten jedoch
verschiedene Kulthandlungen vorgenommen werden. Die wichtigste
von ihnen war die sogenannte Mundöffnung,` bei der der «Horus»
und «seine vier Söhne» dem verstorbenen König mit
zeremoniellen Schneidwerkzeugen den Mund öffneten, um ihm die
Wiedergeburt zu ermöglichen. Auch diese Zeremonie hatte einen
starken Bezug zu den Sternen, diesmal Öl jedoch zu denen im
Umkreis das Polarsterns. Nach gängiger Meinung waren die beiden
zur Mundöffnung verwendeten Instrumente nach dem Bild von Ursa
Minor oder Ursa Major geformt.l4 Ein weiterer wichtiger
Bestandteil des Rituals war die symbolische Geburt eines neuen
Horus (des neuen Königs), der ebenfalls einen Bezug zu den
Sternen hatte, wie sich aus 3 den Pyramidentexten («Horus, der
in der Sothis (Sirius) ist» [PT 632 d] ergibt.
Wir dürfen somit den Schluss ziehen, dass der Baumeister der
Cheops-Pyramide den Auftrag hatte, bei der Anlage der
Wiedergeburtskammern bauliche Elemente vorzusehen, die das
wichtige Ritual der Mundöffnung ebenso ermöglichten wie die
Geburt des «Horus, der in der Sothis (Sirius) ist», und schließlich
die Auffahrt der Seele in das himmlische Reich des Osiris/Orion.
Ich habe an anderer Stelle dargelegt, dass die beiden südlichen
Schächte der Pyramide auf den Oriongürtel und Mal den Sirius,
mythologisch gesprochen also auf Osiris und Isis, ausgerichtet
wurden. Die beiden nördlichen Schächte waren auf den
Polarstern Alpha Draconis und den Kopf von Ursa Minor, die
himmlische Dechsel des Horus orientiert, die auch die «Dechsel
des UPUAUT» genannt wird. Unter Berücksichtigung der Präzession
der Erdachse lässt sich errechnen, dass die erwähnten
Orientierungen der vier Schächte auf vier verschiedene Sterne
mit einem Fehlerspielraum von +25 Jahren allesamt für den
Sternenhimmel des Jahres 2450 v.Chr. gelten.
Werkzeuge
und Techniken des Bauentwurfs
Wenn
wir die Techniken des Bauentwurfs erörtern, müssen wir auch
den umfassenderen historischen Kontext berücksichtigen. Zu
jener Zeit (um 2450 v.Chr.) waren die beiden Pyramiden von
Dahschur und die in Medum im Auftrag von König Snofru, dem
Vater von Cheops, bereits fertiggestellt. Dabei wurden offenbar
bereits gewisse Erfahrungen beim Pyramidenbau gesammelt. Wenn
wir davon ausgehen dass der Baumeister der Cheops-Pyramide sich
beim Entwurf und der Anlage seines Bauwerks grundlegender
geometrischer und astronomischer Kenntnisse bediente, dann können
wir annehmen, dass diese Kenntnisse auch in den Bau der
Pyramiden von Dahschur und Medum eingegangen sind und dass der
Architekt überdies eine innere Vorstellung von der Totenstadt
Gizeh insgesamt gehabt hat.l8Alle diese Elemente mussten in
einem einheitlichen Gesamtplan im Hinblick auf den Bau und die
Anlage der Pyramiden in Dahschur und Gizeh und letztlich auf den
Bau der Cheops-Pyramide zusammengefasst werden.


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