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Von
Gabi Strunck und Ruth Plitman
Die
Kulturen Lateinamerikas mögen vielleicht nicht so alt gewesen
sein wie die asiatischen, die mit Mesopotamien bereits um 4000
v.Chr. beginnen, ihre Pyramiden nicht so hoch wie die der Alten
Ägypter und ihre Kunst nicht wie die der Alten Griechen in die
Literatur eingegangen, doch die Architektur der
lateinamerikanischen Kulturen ist bewundernswert, ihre Kulturen
waren vielleicht die jüngsten der Erde, doch ihre
astronomischen Berechnungen sind sehr genau, ihre Bewässerungsanlagen
stehen den Kanalisationsanlagen der Römer in nichts nach und
ihre Steinskulpturen und- figuren sind Kunstwerke. Einige dieser
Kulturen waren kriegerisch und brachten ihren Göttern bzw. der
Sonne Menschenopfer dar. Viele dieser Kulturen sind von
vorherigen Kulturen geprägt. Eins haben sie zumindest alle
gemeinsam: Man weiß über sie bis heute nur sehr wenig. Das
meiste, was wir von ihnen wissen, sind Vermutungen, vieles Rückschlüsse
aus den Architekturen und Steinskulpturen und -monumenten. Alle
diese Kulturen sind noch immer voller Rätsel.
Mesopotamien
Einer
der wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung von
Hochkulturen ist die Sesshaftigkeit, die schon etwa 6000 v.Chr.
durch den Anbau von Bohnen und vor allem Mais möglich geworden
war. Die mesoamerikanischen Kulturen kennzeichnen sich vor allem
durch ihre ständigen Wechsel von Zeiten des Aufblühens und des
Untergangs und durch die Parallelen der Kulturen. Viele dieser
Kulturen besitzen ähnliche Grundgedanken, und aufblühende
Kulturen übernahmen oft Gedanken vergangener Kulturen. Viele
kennzeichnen sich durch ein weitverbreitetes Handelsnetz. Alle
jedoch sind noch nicht genügend erforscht, um sagen zu können,
man kenne die Kulturen gut. Vielmehr beschränkt sich unser
Wissen - wie oben bereits erwähnt - auf Vermutungen und Rückschlüsse
der Bauten, Skulpturen und Wandgemälde.
Die
erste hohe Kultur war die der Olmeken. Trotz jahrzehntelanger
Forschung sind viele wesentliche Aspekte noch immer unklar. So
scheinen die Olmeken beispielsweise plötzlich und ohne
erkennbare Vorfahren aus dem Nichts aufzutauchen. Was heutzutage
über die Olmeken bekannt ist, wurde zumeist aus den für diese
Kultur typischen Steinmonumenten und -reliefs geschlossen.
Einige Schlüsse zog man auch aus den religiösen Zentren und
Bauten. Das Wissen über die Olmeken besteht im Grunde lediglich
aus Vermutungen.
Die Herkunft der Olmeken ist deshalb dadurch rätselhaft, da
ihre Kultur bereits beim ersten Auftreten (etwa um 1500 v.Chr.)
als deutlich entwickelte Kultur zu erkennen ist. So kommt es,
dass zwei völlig unterschiedliche Theorien über Vorfahren und
Herkunft entwickelt wurden.
Eine Theorie besagt, dass die Wurzeln der Olmeken in Südamerika
zu suchen sind. Die Anfänge sollen in Valdivia (an der Küste
Ecuadors) liegen und bis ins Jahr 4000 v.Chr. zurückreichen.
Aus diesem Bereich und aus Puerto Hormiga, das etwas später
entstanden sein soll, könnte eine Welle südwärts nach Sechín
und anschließend nach Chavín de Huantar (Peru) verlaufen und
eine zweite nach Norden gegangen sein, wobei die Kultur von
Chorrera (Ecuador) eine Mittlerrolle gespielt haben könnte.
Zwischen Chorrera sowie der Kultur von Ocós in Guatemala (die
jedoch auch mit über zwanzig Fundplätzen in Mexiko, Chiapas
und an der Golfküste vertreten ist) und der Kultur der Olmeken
bestehen zumindest stilistische Parallelen. Eine Herkunft aus
dem nördlichen Südamerika könnten bauliche Ähnlichkeiten
zwischen Sechín und Tlalcozotititlán (Guerrero) ebenso erklären
wie Berührungspunkte in den Ideen von Chavín und La Venta
(eines der wichtigsten Zentren der Olmeken).
Die meisten Wissenschaftler vermuten jedoch, dass sich diese
Kultur in Mexiko entwickelt hat. In den Gegenden Guerreros wie
im Sumpfland an der Golfküste wurde bisher noch zu wenig
gegraben und geforscht, um genaue Schlüsse ziehen zu können.
Ein olmekisches Siedlungsgebiet befand sich in den heutigen
mexikanischen Bundesstaaten Tabasco und Veracruz. Der Golf von
Mexiko, die Ausläufer der Sierra de Tuxtepec, die Berge von
Chiapas, der Río Tonalá und der Río Grijalva bildeten die natürlichen
Grenzen. Die zahlreichen Wasserläufe dienten als Handels - und
Transportwege.
Das wasserreiche Gebiet des feuchtheißen tropischen Regenwaldes
brachte zwei Ernten pro Jahr ein: Bohnen, Chilipfeffer, Jicamas,
Kürbisse, Maniok, Nüsse und vor allem Mais. Weiterhin spielten
Fischfang und Jagd (auf Pekaris, Schildkröten und Hirsche) eine
wichtige Rolle. Hunde wurden als Haustiere gehalten und waren
eine wichtige Proteinquelle. Rohstoffe wie Andersite und Basalt
lieferten die Berge der Sierra de los Tuxtlas und die Abhänge
verschiedener Vulkane.
Die Existenz der Olmeken um das Jahr 1500 v.Chr. an diesem Ort lässt
sich durch Keramikfragmenten beweisen. Diese Siedlung bildete
1000 -600 v.Chr. anscheinend den Mittelpunkt der Golfregion, in
der nach Berechnungen von Ignacio Bernal etwa 35.000 Menschen
lebten. Mehr als achtzig olmekische Zentren wurden in dieser
Siedlung bisher entdeckt.
In dem dünnbesiedelten Gebiet von Guerrero entwickelte sich die
olmekische Kultur in der Nähe von Flüssen (z.B. Amacuzac,
Atentli, Balsas-Mezcala). Es gab nicht viele kultivierbare Böden,
so dass man schon relativ früh zu Terrassenanbau schritt. Es
gab jedoch reiche Gesteinsvorkommen, neben Travetinvorkommen
fand man auch Serpetin und andere Grünsteine. Vor allem aber
wurde auch Jade gefunden, das von dem Olmeken sehr geschätzt
wurde und dessen Vorhandensein ein Hauptgrund für die
Ansiedlung im Gebiet von Guerrero gewesen sein könnte. Man darf
nicht vergessen, dass die Steinbearbeitung ein sehr wichtiges
Merkmal der olmekischen Kultur ist.
Ab etwa 1300 v.Chr. lässt sich eine deutliche olmekische Einflußnahme
auf große Bereiche Mesoamerikas beweisen. Vermutlich handelt es
sich dabei gerade bei den früheren Perioden eher um friedlichen
Warenaustausch mit fremden Völkern und später um Expeditionen
zu Rohstoffquellen als um militärische Besetzung. Vor allem
muss bedacht werden, dass die Olmeken eine Führungsrolle durch
ihre machtvolle neue Religion besaßen.
Die Olmeken besaßen ein weit ausgedehntes Handelsnetz, an dem
wohl Jadefiguren als Handelsgut an der Spitze standen. Den schwärzliche
Obsidian, der für Waffen und Werkzeuge benötigt wurde, bezogen
die Olmeken von der Golfküste aus dem Tal von Teotihuacán und
dem östlichen Puebla. Der grüne Obsidian kam aus Pachuca in
Hidalgo; Zinnober stammte aus Queteretaro, Serpentin kam aus
Puebla. Die Olmeken handelten auch mit vielen fremden Völkern,
die etliche Ideen der Olmeken wie die Herstellung einiger
Figuren übernahmen. Neben Figuren aus Jade und Grünstein
exportierten die Olmeken wahrscheinlich auch Federn und Federmäntel,
Kakao, Kautschuk, Keramik, Meeresmuschel und eventuell sogar
Tabak. Durch ihre Handel nahmen die Olmeken eine wichtige
wirtschaftliche und somit auch politische Rolle ein.
Die Olmeken besaßen einen Art Zauberarzt mit schamanistischen Zügen.
Sie glaubten, dass dieser Zauberarzt in der Lage war, Kontakt
zum Jenseits und zu mächtigen Geistwesen aufzunehmen, wozu er
sich in eine Tiergestalt verwandelte. Zu den magischen Riten gehörten
Musik, Tanz und Kultspiele. Die Riten hatten die Aufgabe, den
Zusammenhang der Gruppe zu festigen. Menschliche, meist männliche
Figuren, die eine Kette mit einem Eisenerzspiegel tragen, sind
hierbei von Wichtigkeit. Da einige von diesen Figuren zusätzlich
Ballspielattribute tragen, werden sie als Ballspieler oder
Schamane bezeichnet. Doch ist beides wohl kaum voneinander zu
unterscheiden, denn es waren vermutlich der Zauberarzt und seine
Helfer, die das rituelle Ballspiel vorführten, wobei der Ball
die Sonne darstellte. Der Spiegel galt als Symbol für Feuer und
Sonne und wies seinen Träger vermutlich als Medizinmann aus. Möglicherweise
ging dessen Funktion als Mittler zu den übernatürlichen Mächten
später auf den Häuptling über. (In Chalcatzingo wurde ein
Herrschergrab freigelegt, in dem der Tote einen Hämatitspiegel
auf der Brust trug).
Auch der Totemismus scheint wichtig gewesen zu sein: Eine
einzelne Person oder eine Gruppe führen ihre Abstammung auf
eine Pflanze, ein Tier oder sogar auf eine Naturerscheinung zurück,
mit der sie in einer geheimnisvollen Beziehung stehen. Dabei
nahm neben dem Kaiman, der Harpye und verschiedenen
Schlangenarten vor allem der Jaguar eine besondere Stellung ein.
Eventuell ging aus der Totemgruppe des Jaguars die spätere Führungsschicht
hervor. Die Führungsschicht bildete sich, als es durch den
verstärkten Maisanbau (der durch zahlreiche Reibsteine und
-schalen bewiesen ist) und durch bessere Nutzung des ökologischen
Systems zu Überschüssen kam und die Bevölkerung rapide wuchs.
Bildwerke waren für die Olmeken das wirkungsvollste Mittel,
religiöse Vorstellungen sichtbar zu machen. Die Herstellung von
Steinmonumenten und Steinreliefs war wahrscheinlich eine
rituelle Handlung.
Aufgrund des Bevölkerungwachstums wurden aus kleinen Dörfern
Großdörfer mit eigenen Tempeln. Mit der Zeit wurden aus
einigen stadtähnliche Zentren, die Ballspielpätze und von Gebäuden
umgebene Höfe für öffentliche Zeromonien besaßen. Archäologen
stießen teilweise auf Kanäle mit steinernen Wasserrinnen, die
zu künstlichen Lagunen führten, deren Böden abgedichtet
worden waren. Angelegt waren diese Zentren nach den
Himmelsrichtungen entlang einer Achse, die ziemlich genau von
Nord nach Süd läuft und auf beachtliche astronomische
Kenntnisse schließen läßt. Die Bauten erhoben sich auf einer
künstlichen Plattform. So mussten beispielsweise in San Lorenzo
rund zehn Millionen Tonnen Erde in Köbren auf den Rücken der
Arbeiter herangeschleppt werden. Ob die Form der Plattform eine
Bedeutung hat, ist umstritten. Einige vertreten die Ansicht, daß
die Form zufällig oder durch Erosion zustande gekommen ist,
andere wiederum sehen in ihr ein Abbild einer fliegenden Harpye
oder einer Jaguarmaske.
Einige Hauptorte besaßen eine Erdpyramide. Die Pyramide in La
Venta beispielsweise hatte einen vermutlich rechteckigen
Grundriss mit 130 auf 65 Meter und eine Höhe von 34 Metern,
etwa 80.000 Tonnen Baumaterial waren für ihre Errichtung nötig
gewesen. Wie die Tempel der Golfküste aussahen, ist unbekannt.
Die Wandkonstruktion der Häuser bestand aus Flechtwerk und
Lehmbewurf, und die Dächer waren mit Palmenblättern bedeckt.
In jedem Haus lebte eine Familie, wobei sich die Häuser der
Oberschicht von denen des einfachen Volkes deutlich durch ihre
Größe unterschieden.
Die großen Zentren hatten die Rolle eines religiösen, sozialen
und wirtschaftlichen Mittelpunktes, zusätzlich waren sie Sitz
einer für damalige Zeiten gewaltigen militärischen Macht, die
vermutlich durch Tribute von den umliegenden Dörfern versorgt
wurde.
Durch die Umformung vom Dorf zum Zentrum entwickelte sich eine
Hierarchie, an deren Spitze ein Häuptling stand, der höchstwahrscheinlich
auch priesterliche Funktionen besaß und seinen Thronanspruch
durch die Abstammung von übernatürlichen Wesen, wie sie der
Jaguar beispielsweise symbolisierte, legitimierte. Es ist
denkbar, dass vor allem große Herrscher nach ihrem Tod zu vergöttlichten
Ahnen mit Schutzfunktion erhoben wurden.
Unter dem Anführer stand je nach Größe des Zentrums eine
entsprechend starke Oberschicht, deren Status vom Grad der
Verwandtschaft mit dem Herrscher und ihrer Ahnenreihe abhing.
Sie betrug etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Gesellschaft.
Diese Oberschicht war für Verwaltung und Militär zuständig
und besaß neben dem fruchtbarsten Land einen hohen Anteil an
Prestigegütern wie Grünstein und Jade.
Die mit den Maisbau verbundenen Zeremonien und die Kultbauten
lassen auf einen einflussreichen Priesterstand schließen.
Anschließend folgt die Schicht der handwerklichen Spezialisten,
wie Baumeister, Bildhauer, Stein- und Federarbeiter , Töpfer
und Vasenmaler. Die breite Schicht des einfachen Volkes stellten
die Arbeiter und Bauern der großen Zeremonialzentren dar, während
die rechtlosen Sklaven am Ende der Hierarchie standen.
Der soziale Status zeigte sich auch in den Bestattungen und
Beigaben. So enthielten die aus einfacheren Gruben bestehenden
Gräber der unteren Schicht keine oder nur wenige Keramiken.
Lediglich die Oberschicht besaß mit Steinplatten ausgelegte
Grabstätten mit reicher Keramik und etwas Jadeschmuck.
Steinsarkophage oder große Grabkammern aus sorgfältig
behauenem Stein waren ausschließlich dem Herrscher vorbehalten.
Nur den Herrschern wurden an der Golfküste und in Chalcalzingo
Jadebeigaben und Eisenerzspiegel ins Grab gelegt. Rote Farbreste
in den Gräbern lassen auf reichliche Verwendung von Zinnober
schließen. Eine weitere Bedeutung der Steinmonumenten ist die
Darstellung der Macht des Herrschers.
Wieso die olmekische Kultur unterging ist noch nicht geklärt.
Es gibt auch hier wieder verschiedene Vermutungen. Es kann sein,
dass die schöpferischen Kräfte mit der Zeit nachließen. Eine
andere Möglichkeit ist, dass Zentren fremder Stämme die
olmekischen Handelsrouten blockierten, was einen Rückgang der
wirtschaftlichen und somit auch politischen Macht zur Folge
gehabt hätte. Klimaveränderungen scheinen nicht aufgetreten zu
sein, und die Vermutung, Seuchen könnten eine Rolle gespielt
haben, kann nicht bewiesen werden.
Um etwa 500 v.Chr. wurde La Venta aufgegeben. Die olmekische
Kultur bestand zwar noch an einigen Stellen der Golfküste
weiter, doch werden immer mehr Eigenentwicklungen bemerkbar.
Mit dem Erlöschen der olmekischen Zivilisation verschwand auch
ein Teil ihrer Religion, ihrer Ideen und Darstellungen. Die hohe
Stellung des Jaguars verschwand mit den Basaltsäulen und aus
Steinplatten gebildeten Gräbern. Federarbeiten, Gewebe und fast
alle Holzplastiken sind verlorengegangen. Weder ihre Sprache
noch ihr ursprünglicher Name haben sich erhalten. Die Olmeken
waren trotzdem eine Mutterkultur Mesoamerikas, auch wenn die späteren
Kulturen sich nicht allein aus der olmekischen Kultur heraus
entwickelten. Das Konzept eines entlang einer Nord-Süd-Achse
angelegten Zentrums, die Errichtung von Pyramiden und Altaren,
"bestattete" Opfergaben, das kultische Ballspiel, die
Jadebarbeitung und der Brauch, den Toten Jade und Zinnober
mitzugeben, wurde zum Teil an nachfolgende Kulturen
weitergegeben. Mehrere der späteren Götter, wie beispielsweise
die Regengottheit, könnten ebenso auf die Olmeken zurückgehen
wie das Kalendersystem und die Zahlenglyphen.
Eine weitere Kultur, die nicht zuletzt durch ihren Ruhm als
Kunsthandwerker berühmt wurde, ist die Kultur von Teotihuacán.
Ihr Aufstieg ist verblüffend. Teotihuacán liegt am nördlichen
Rand Mesoamerikas, wo die Niederschläge so gering sind, dass
bei dem Anbau von Mais mit Mißernten gerechnet werden muss.
Eine wichtige wirtschaftliche Voraussetzung für ihren Aufstieg
muss die Lage an der Haupthandelsroute zwischen dem Hochtal von
Mexiko und der Golfküste gewesen sein. Doch das alleine erklärt
nicht den erstaunlichen Aufstieg. Doch das Tal von Teotihuacán
verfügte über große Grundwasserreserven, die einen Bewässerungsanbau
ermöglichten. Eine große Quelle befindet sich nicht weit
westlich des Bereiches, in dem das früheste und gleichzeitig größte
der Großbauwerke der Teotihuacáns, die Sonnenpyramide, liegt.
Dieser Platz bekam die Anziehungskraft eines Wallfahrtortes von
überregionaler Bedeutung. Dieser Ort wurde auch landschaftlich
genutzt, und so entstand um 500 v.Chr. an diesem Ort eine Stadt,
die zu Beginn der christlichen Zeitrechnung zu der enormen Größe
angewachsen war, die sie für die nächsten sechs Jahrhunderte
zum Zentrum Mesoamerikas machen sollte.
Teotihuacán beeindruckt nicht nur durch die Monumentalität
seiner Bauten, sondern vor allem durch die einheitliche Planung
der Stadt. Das gesamte Areal von ca. 25 km2 ist durch
ein Rastersystem gegliedert, dessen Hauptachse in Nordsüdrichtung
15°30' östlich der astronomischen Nordrichtung verläuft. Es
gibt keinen Himmelskörper, der als Grundlage für die
Ausrichtung der Stadt angesehen werden kann. Vielmehr fällt
eine topographische Gegebenheit ins Auge: der mächtige
erloschene Vulkan Cerro Gordo, der sich unmittelbar nördlich
der Stadt befindet. Der Bau der Stadt dauerte einige
Jahrhunderte. Der Stadtplan wurde trotz dieser langen Bauzeit
strikt eingehalten.
Eine ähnliche einheitliche Struktur, wie das des rechtwinkligen
Straßensystems der Stadt, erhielten die einzelnen Bauten durch
ein immer wiederkehrendes Fassadenschema, das sogenannte
Tablero-Talud.
Die Stadt war durch die Hauptachse in vier Distrikte unterteilt
und besaß außer dem monumentalen Tempelbezirk auch eine eigene
Marktzone im Zentrum. Es kann sein, dass in den einzelnen
Distrikten jeweils bestimmte Bevölkerungsgruppen lebten. Den
Angehörigen fremder Gruppen waren eigene Wohngebiete
zugewiesen. So wurden beispielsweise Bezirke identifiziert, in
denen jeweils Leute aus Oaxaca, dem Mayagebiet und Veracruz
wohnten. Diese Absonderung erlaubte eine bessere Kontrolle.
Teotihuacán hatte also eine Obrigkeit, die das Leben in der
Stadt streng regelte.
Die meisten Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass die
Bauten im Zentrum vorwiegend für öffentliche Zwecke bestimmt
waren. Der sogenannte Zeremonialbezirk erstreckt sich entlang
der fast 2 km langen "Straße der Toten", die bei der
Mondpyramide beginnt. Im mittleren Abschnitt befindet sich die
Sonnenpyramiden, die mit ihrer Grundfläche von 222 x 225 Metern
und einer Gesamthöhe von 63 Metern zu den gewaltigsten
Bauwerken des Alten Amerika gehört.
Das alte Teotihuacán war eine prunkvolle und bunte Stadt. Prächtige
Wandmalereien sind das Kennzeichen dieser Kultur. Alle bisher
aufgedeckte Mauern zeigen Spuren von Wandbemalung. Es sind
bisher dreihundert Gemälde bekannt, aber bis jetzt wurden erst
fünfzig Gebäude vollständig oder teilweise ausgegraben, also
ein sehr kleiner Teil der Stadt, bedenkt man, dass diese Stadt
beispielsweise im Jahr 600 n.Chr. größer war als das von den
aurelianischen Mauern umgrenzte Rom. Die Anzahl der Wandgemälde
dürften sich einst auf Zehntausende belaufen haben. Doch wer
weiß, natürlich ist es möglich, dass noch Häuser ohne
Bemalungen (etwa in einem anderen Bezirk) ausgegraben werden.
Während Konstantinopel das Zentrum der frühmittelalterlichen
Welt war, erlebte Teotihuacán seine Blütezeit als große
Metropole. Es entstanden mit kunstvollen Wandgemälden bedeckte
Tempelplattformen und Wohnkomplexe. Die Bewohner Teotihuacáns müssen
den Wandgemälden eine hohe Bedeutung beigemessen haben, denn
sie schmückten mit ihnen (nach heutigem Forschungsstand) nicht
nur Tempel und Paläste, sondern auch einfache Häuser.
Während eventuelle symbolische Bedeutungen der Wandmalerei noch
nicht entschlüsselt werden konnten, lassen sich die Figuren
teilweise identifizieren. So sind Gestalten, die Schilde und
Speere tragen, leicht als Krieger zu erkennen. Bei anderen ist
eine Deutung weniger einfach und nur in Analogie zu dem möglich,
was wir über die Religion späterer mesoamerikanischer Kulturen
wissen, in die uns schriftliche Quellen genauere Einblicke ermöglichen,
denn erstaunlicherweise tauchten die Göttergestalten des
Regengottes Tlaloc und Quetzalcoatls, der Gefiederten Schlange,
nicht nur im Teotihuacán auf, sondern vor allem bei späteren
Kulturen. Vielleicht haben sich die Bedeutungen geändert. Doch
wahrscheinlich haben sich die Grundvorstellungen der
mesoamerikanischen Religion über Jahrhunderte hinweg erhalten.
Darstellungen von Tieren mit Federkopfschmuck und von Menschen
mit Tierattributen lassen auf totemistische Vorstellungen schließen
(wie das bei den Olmeken der Fall war). Dieser Totemismus war
ein wichtiges Mittel, um persönliche Identität innerhalb eines
riesigen anonymen Gemeinwesens zum Ausdruck zu bringen.
Die Architektur mit ihren unterschiedlichen Gebäudeformen und
die Themen der Malerei lassen eine strenge Hierarchie in der
Stadt erkennen. Die Teotihuacáner bildeten eine Gesellschaft,
in der die Mitglieder jeweils verschiedene Aufgaben erfüllen
mussten, die zur Erhaltung der geheiligten Ordnung beitrugen.
Die Bewohner Teotihuacáns widmeten sich ausschließlich
priesterlichen, administrativen, militärischen oder
handwerklichen Arbeiten. Die Versorgung der Nahrungsmittel übernahmen
eigene Klassen von Bauern, die im Umfeld künstlich bewässerte
Felder bebauten.
Teotihuacán war auf das Zusammenspiel der verschiedenen
Arbeiter angewiesen. Ohne entsprechende Organisationskräfte wäre
eine Versorgung so vieler Menschen nicht möglich gewesen. Als
das Ordnungsprinzip später zusammenbrach, konnte Teotihuacán
nicht weiter existieren.
Es gab jedoch trotz der Organisationsleistung dieser Stadt keine
dem heutigen Sinne entsprechende Schrift. Verglichen mit den
alten Zentren der Maya und Zapoteken scheint sich Teotihuacán
nur wenig um eine Schrift bemüht zu haben. Es scheint jedoch,
als hätten die Bilder die Funktion der Schrift übernommen und
unter anderem dazu gedient, Demonstrationen von Macht sichtbar
zu machen. Während die Tieflandmaya ein Schriftprinzip
entwickelten, dass teils aus Bildschriftzeichen, teils aus
Wort-, Begriffs- und Lautzeichen bestand, bildeten die Teotihuacáns
ein Prinzip, das auch dazu geeignet war, ganze Gedankenkomplexe
mitzuteilen.
Die Kriegsdarstellungen auf Wandgemälden und Gefäßen lassen
erkennen, dass Teotihuacán keineswegs so unkriegerisch war, wie
man anfangs annahm. Tatsächlich erweiterte sich der Einflußberich
von Teotihuacán in Mesoamerika eindeutig durch militärische
Macht. Auf Stelen im Mayatiefland sind beispielsweise Bilder von
Kriegern Teotihuacáns wiedergegeben, was die kriegerischen
Handlungen noch einmal bestätigt.
600 n.Chr. brach anscheinend das Organisationsprinzip aus noch
nicht geklärten Gründen zusammen, was das Ende von Teotihuacán
mit sich brachte. Doch die Stadt blieb lange in Erinnerung als
der Ort, an dem das alte System sich so lange Zeit bewährt
hatte. Für die späteren Kulturen wurde Teotihuacán ein
Inbegriff vergangenes Glanzes, so wie wir uns heutzutage mit dem
alten Griechenland in Verbindung bringen. Die Azteken sind
jedoch in vieler Hinsicht die Erben Teotihuacáns geworden. Auch
übernahmen die Mayas einige Gedanken, die durch die
Architektur, Skulpturen und Gemälde weitergeben worden waren.
Die wohl neben den Azteken bekannteste Kultur Mesoamerikas ist
die der Mayas, die sich etwa um 250 n.Chr. im zentralen Tiefland
von Yukatan entwickelte. Man übernahm die Fortschritte des
benachbarten Hochlandes und entwickelte sie schnell weiter. Es
wird vermutet, dass Flüchtlinge, die von dem Ausbruch des
Vulkans Ilopango aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, die
Entwicklung förderten. Es waren etwa 30.000 Menschen wegen dem
Vulkanausbruch ausgewandert, von denen wahrscheinlich einige
Tausend bis ins Tiefland vorgedrungen waren und einige
Erfindungen zu den Mayas brachten. So wandelten die
Tiefland-Maya die Konzeption der tetraederförmigen Ziegel -und
Lehmpyramiden mit abgeflachter Spitze und bekrönendem Tempel in
steinerne Stufenpyramiden um. Auch die vorher als Holzbauten mit
Palmblättern abgedeckten Tempel wurden nun meistens aus Stein
errichtet. Doch die anfangs aus Holzbalken und Zementschicht
zusammengefügten Flachdächer waren jedoch nicht für
Steinmonumente geeignet. Abhilfe bot zunächst das für
Grabkammern verwendete Kraggewölbe, das die Baumeister schon
bald darauf einsetzten, um in Tempeln und Palästen die schweren
Lasten zu tragen. Außerdem entwickelten die Stadtplaner der
Maya folgende beachtliche Anlage: Auf einer niedrigen
rechteckigen Plattform aus Bruchsteinschüttung mit einem
Zementestrich wurden an drei oder vier Seiten Pyramiden oder
langgestreckte Plattformen mit Gebäuden errichtet. Diese
Umbauung säumte also einen erhöhten, lediglich an einer Seite
oder in einer oder in den Ecken zur Umgebung sich öffnenden
Platz, der durch seine Geschlossenheit und Regelmäßigkeit den
Eindruck von Konzentration und Ruhe vermittelte. Dieses Konzept
wurde zum Schema, das für alle Arten von Bauten verwendet
wurde. Der Kunststil der postolmekischen Kulturen wurden nicht
nur bei gewaltigen Steinskulpturen und Verzierungen bei Häusern
angewandt, sondern auch in Vasen - und Wandmalerei umgesetzt.
Auch die Kalenderwissenschaft und Wahrsagerei der
postolmekischen Kulturen wurde aufgegriffen und
weiterentwickelt, so dass die Mayas astronomische Berechnungen,
die den Mond betrafen, durchführen konnten.
Doch diese Weiterentwicklungen wären ohne eine Elitegruppe
nicht möglich gewesen. Diese Elite musste eine politische und
auch religiöse Legitimation haben, um Unterstützung vom Volk
zu bekommen. Es entstand eine Dynastie. Die erste königliche
Dynastie wurde nach hieroglyphischer Inschriften und heutiger
Umrechnung im Jahre 300 n.Chr. in Tikal gegründet. Auch in
anderen Orten wurden mit der Zeit Dynastien gebildet, so dass
nach zweihundert Jahren das ganze Tiefland mit kleinen Fürstentümer
versehen war. Die Könige wurden verherrlicht, indem in
Inschriften und auf Darstellungen auf Stelen und Wandtafeln von
deren religiösen und rituellen Pflichten und mitunter auch von
deren göttlicher Abstammung die Rede war. In dieser
aristokratischen Gesellschaft wurden keine Auskünfte in Form
von Schrift - und Bildzeugnissen über die einfache Bevölkerung
gegeben.
Auch das nördliche Mayagebiet erlebte etwa 250 n.Chr. ein Bevölkerungswachstum,
das für Fortschritte sorgte. Das lässt sich besonders an dem
Wachstum der Städte und einer steigenden Bautätigkeit sehen.
Damals entstanden die massigen Pyramiden von Izamal und Dzilam.
Die beiden Pyramiden gehören zu den umfangreichsten Bauwerken
der Maya. Izamals Hauptpyramide hat ein Volumen von 300.000
Kubikmetern.
Die Zeiten waren damals jedoch nicht allzu friedlich. Besonders
die Grenze zum südlichen Tiefland scheint ein unruhiges Gebiet
gewesen zu sein, denn dort wurden aus dieser Zeit beeindruckende
Befestigungsanlagen entdeckt.
Die Mayas wurden sehr von anderen Kulturen geprägt. Zu der
damaligen Zeit war Teotihuacán die Wirtschaftsgroßmacht in
Mesoamerika und auch militärisch aktiv. Fest steht, dass sie
die Kultur der Mayas teilweise geprägt haben. In der
Architektur haben die Mayas vor allem Talud-Tablero übernommen.
Auch in der Religion wurden - den Bildern zufolge - einige
Vorstellungen übernommen: der Regengott Tlaloc mit seinen
kreisförmig eingefaßten Augen, der Vegetationsgott Xipe Totec,
dem die Haut eines geopferten Menschen übergestreift ist, und
das göttliche Mischwesen Quetzalcoatl, die gefiederte
Klapperschlange. Auch Waffen wurden von den Teotihuacáns übernommen:
eine Speerschleuder mit kurzen Pfeilen, ein rechteckiger Schild
und ein Plättchenhelm, der teilweise auch einen Kinnschutz besaß.
Es gibt noch zahlreiche weitere Sachen, die die Mayas von
denTeotihuacáns übernommen hatten.
Auch die Kultur von Cotzumalhualpa prägte die Mayakultur. Auf
den Flachreliefs der Cotzumalhualpa werden oft Ballspieler
gezeigt. Die religiöse und rituelle Bedeutung wird in den
Szenen der Darreichung von geopferten Gegnern an den Sonnengott
deutlich. Seit diesem Einfluss trat das Ballspiel auch in den
Mayakulturen stark in den Vordergrund.
Die Mayakultur war letztendlich in eine derartige Abhängigkeit
Teotihuacáns geraten, dass sie in eine schwere wirtschaftliche
und politische Krise geriet, als Teotihuacán in Schwierigkeiten
geriet und sich aus dem südlichen Vorposten zurückziehen
musste. Diese Krise lässt sich vor allem durch den großen Rückgang
der Inschriften zwischen 535 und 610 n.Chr. erkennen. Dieses Phänomen
hing mit dem Untergang Teotihuacáns zusammen.
Der öffentliche Herrscherkult in Form von Stelen brach plötzlich
ab. Der Grund ist wohl auch hier wieder in dem Untergang
Teotihuacáns zu suchen. Denn die Herrscherdynastien waren sehr
wahrscheinlich nach dem Vorbild der Herrscher der Teotihuacáns
gegründet. Der Untergang Teotihuacáns verursachte auch den
bisher von Teotihuacán beherrschten Fernhandel der Routen von
Zentralmexico bis ins Tiefland der Mayas. Die Mayas waren zwar
von den Importen wie Reibsteinen aus Basalt (zum Maismahlen),
Jadeperlen als Schmuck und Quazalfedern für Fest- und
Kriegskleidung abhängig, doch ist bis heute nicht geklärt, wie
eine so große und wirtschaftlich begünstigte Region wie das
Mayaland von den Ereignissen im fernen Zentralmexiko so
nachhaltig getroffen werden konnte. Im Jahre 600 n.Chr. war die
Krise dann endlich überwunden, und die Mayakultur gründete
eine vielfältige Wechselbeziehung zwischen den Städten und dem
Land. Handelsbeziehungen wurden wieder aufgebaut und große
Fernstraßen errichtet. Die bäuerliche Bevölkerung wurde
gleichmäßig über das ganze Land verteilt. Herrschaft und
Staatsbürokratie versuchten den Handel durch Märkte in der
Stadt zu verstärken und zu kontrollieren. Ein weiteres Mittel für
die Integration waren die Feste und die umfangreiche Bautätigkeit.
Um 1000 n.Chr. herum hatte die Bevölkerung in den Zentren so
zugenommen, dass es zu Wohnungsnot kam.
Das Fundament der Gesellschaft bildete eine breite Schicht
Bauern, die für die Nahrungsversorgung zuständig waren. Sie
bauten durch Brandrodung an. Zu den Nahrungsmitteln gehörten
Mais, Bohnen, Kürbisse, Süßkartoffel, Yucca, , Kakao,
Aguacate, Tomaten und vieles andere. Die Mayas bedienten sich künstlicher
Be- und Entwässerungssysteme: durch Kanäle bewässerte Felder,
aufgeschüttete Beete in Überschwemmungsgegenden,
Terrassenfelder in Hanglage, Staudämme, tropische
Gartenwirtschaft und Fischteiche.
Die Bauern lebten in der Nähe ihrer Felder über das ganze Land
verstreut in kleinen gehöftartigen Anwesen, die aus Hohlhäusern
mit Blätterdächern bestanden. Doch darf nicht angenommen
werden, dass die Bauern einen armen Stand bildeten, denn oft
werden in den Resten dieser Anwesen wertvolle Polychrome
Haushaltsgeschirre gefunden.
Mit den Bauern am unteren Ende der Hierachie standen wohl die
einfachen Handwerker wie beispielsweise unspezialisierte Töpfer
und Bauarbeiter, während die spezialisierten Kunsthandwerker,
also Steinmetze, Maler, Schmuck- und Kleiderhersteller einen höheren
Rang einnahmen. Eine gehobene Mittelschicht bildeten die Angehörigen
der weltlichen und geistlichen Verwaltung, also Tempeldiener,
Wahrsagepriester, Buchhalter und Steuereintreiber. Sie wohnten
meistens in der Nähe der Stadtzentren in palastartigen Steinhäusern.
Das Leben spielte sich jedoch nicht im Haus ab, sondern im
Freien, wo meistens auch gekocht wurde. Spezialisierte Räume
oder Gebäude, wie man sie bei Hochkulturen oft bei höheren
Schichten erwartet, gab es kaum. Schwitzbäder mit Kanalisation
für den Wasserzu- und abfluss und die Ballspielplätze sind die
einzigen spezialisierten Bauten der Zentren.
Die oberste Schicht der Hierarchie war der Hochadel, dem man
sehr wahrscheinlich nur durch Geburt oder vielleicht noch durch
Heirat angehörte und der zahlenmäßig die kleinste Gruppe
bildete. Aus dem Adel stammten die Könige der Stadtstaaten, die
Stadthalter untergeordnete Städte und der höhere Klerus. Alle
waren zumindest weitläufig miteinander verwandt. Der Hochadel
verfügte über viele Bedienstete, meist Frauen, und mitunter
auch einen Hofzwerg, wie wir von Vasen- und Wandmalereien
erfahren. Der Adel lebte teilweise weit weg von den
Stadtzentren, und es ist bisher nur wenig bekannt über die
Rolle dieses Landadels.
Feste wurden bei Ankunft von Kriegsgefangenen und deren anschließender
Opferung und vor allem bei Totenfeiern gehalten. Eine große
Rolle spielten bei den Festen (wie auch im Alltag) Drogen.
Tabakrauchen war weit verbreitet und nicht besonderen Anlässen
vorbehalten. Man verwendete dazu Röhrchen, ähnlich unseren
heutigen Zigarettenspitzen. Drogen dagegen wurden nur bei
besonderen Gelegenheiten eingenommen. Es wurden Honig, Seerosen,
Ackerwinde, Pilze und die Hautausscheidungen der Meereskröte
Bufo marinus verarbeitet, um daraus halluzinogene Drogen von
unterschiedlicher Wirkung herzustellen.
Ein anderer Zeitvertreib war das Ballspiel, das in beinahe allen
mesoamerikanischen Kulturen bekannt war, jedoch in verschiedenen
Varianten vorkam. Das Ballspiel war zwar zum Teil lediglich ein
Zeitvertreib und war mit Wetten verbunden, konnte aber für die
Verlierer auch tödlich ausgehen. Im Hintergrund des rituellen
Ballspieles mit anschließendem Menschenopfer stand der Mythos
vom täglichen Weg der Sonne am Himmel und ihrem nächtlichen
Gang durch die Unterwelt und die Notwendigkeit, der Sonne für
diesen Weg Nahrung (Opfer) zu verschaffen. Das Ballspiel wurde
demnach als symbolisches Nachvollziehen dieses Vorgangs
betrachtet.
Durch Inschriften wissen wir besonders viel über den Herrscher
von Yaxchilán. Die Inschriften zeigen uns, dass es zu
kriegerischen, wenn auch nicht wirklich gefährlichen
Auseinandersetzungen unter den einzelnen Großstädten kam.
Weiterhin können wir erkennen, dass die Königslinie in männlicher
Linie erblich war. Frauen konnten zwar wichtige Ämter übernehmen,
das geschah jedoch selten. Inschriften waren Demonstrationen der
Ausübung und Macht des Herrschers. Es wurden auch die engere
Familie des Herrschers und vor allem die göttlichen Vorfahren
verherrlicht. Eine ausgeklügelte Zeremonie trug dazu bei, den
Rang der Herrscherfamilie zu betonen. Außenpolitik hatte
meistens die Bedeutung von Kriegen, die meist in abgegrenzten
Gebieten verliefen. Viele Städte besaßen aus diesen Gründen
Graben- und Wallanlagen.
Die Stadtstaaten der Mayas waren denen der griechischen Polis
des Alten Griechenlandes ähnlich: ein großer Ort mit seinem
unmittelbaren Umland, in dem auch einige zweitrangige Landstädte
und vor allem Bauerndörfer und Streusiedlungen lagen. Nur
wenige führende Staaten konnten ihr Gebiet über mehrere
bedeutende Zentren ausdehnen.
In den Mayastaaten des Tieflandes schien sich das Bedürfnis
einer Ordnung, die die ganze Region betrifft, verbreitet zu
haben. Wenn das Ergebnis auch politisch nicht wirksam war, so förderte
es doch die Handelsbeziehungen, die intellektuelle
Zusammenarbeit der Kalenderpriester und Astronomen und die
Heiratsallianzen der Herrscherhäuser. Zumindest die
Heiratsallianzen haben eine Zeitlang für Frieden gesorgt und für
Austausch von künstlerischen und intellektuellen Gedanken
gesorgt. Diese die ganze Region erfassende Ordnung hielt von
etwa 700 n. Chr bis 900 n.Chr. an.
Im
Norden entwickelten sich die einzelnen Staaten um dieselbe Zeit
noch weiter. Die Bevölkerung nahm weiterhin zu. Die
Mauerkonstruktion wurde technisch verbessert, was einen
leichteren Arbeitsaufwand mit sich brachte. Die Architekten des
Nordens erfanden einen Mörtel, der ein Gußmauerwerk aus echtem
Schüttbeton ergab. Es wurde somit ein Bau von größeren Innenräumen
möglich.
Es ist bis heute noch nicht geklärt, wieso die Mayakultur
letztendlich unterging. Eine Ursache ist sicherlich, dass
etliche Mayagebiete erobert wurden. Doch kann das bei der Größe
des Mayareiches unmöglich die einzige Ursache sein. Auch der
dramatische Rückgang der Bevölkerung kann nicht durch
vereinzelte Eroberungen erklärt werden, denn die einwandernden
Mexikaner kamen in relativ kleinen Gruppen und ließen sich in
wenigen wichtigen Orten nieder. Die Mexikaner alleine sind also
nicht der alleinige Grund für den Untergang der Mayakultur.
Eine weitere Ursache könnte der Zusammenbruch des Handelsnetzes
gewesen sein. Auf internationalen Handel war besonders die
Herrscherschicht angewiesen, da die Rohstoffe für ihre
Luxusartikel nicht im eigenen Land zu finden waren. Eine Störung
im Fernhandel könnte zur Ausbeutung der eigenen Bevölkerung
geführt haben, was weiterhin der Grund zu einem Aufruhr des
Volkes gewesen sein könnte. Auf jeden Fall ist die Ursache des
Untergangs der Maya in einer Reihe von miteinander verbundenen
Störungen von verschiedenen Lebensbereichen zu suchen, die
ihrerseits weitere Probleme wie beispielsweise Krankheiten,
Proteinmangel, Kindersterblichkeit usw. mit sich gebracht haben
könnten. Es ist jedoch mittlerweile bewiesen, dass
Naturkatastrophen den Untergang nicht verursacht haben. Fest
steht, dass das Ende der Maya weiterhin ein Rätsel bleibt und
die Mayas nach wie vor der Forschung nicht nur ein Rätsel
aufgeben.
Als die Spanier in Mexico auf das Aztekenreich trafen, hatte
dies seine größte Ausdehnung erreicht. Das Reich war von einer
sprachlich und ethnisch nicht einheitlichen Bevölkerung
bewohnt. Das aztekische Reich war kein einheitliches Imperium,
sondern vielmehr nur locker und ohne militärische Präsenz
zusammengefügt. Man bezeichnet es heutzutage meistens als
Tributimperium, da die aztekische Oberherrschaft von den abhängigen
Gebieten Güter als Tribut forderte. Feste Grenzen von abhängigen
und dominierenden Gebieten gab es kaum, die Gebiete wurden meist
nur von dünnen Landstreifen, die auf Grund ihrer natürlichen
Gegebenheit nicht besiedelt waren, voneinander getrennt. Die
Beziehungen zu den abhängigen Regionen waren nicht immer
kriegerisch. Viele abhängige Herrscher wurden zu Feiern von den
Azteken eingeladen.
Das Machtzentrum der Azteken lag im Tal von Mexiko auf rund 2200
Metern Höhe und war in einer Allianz von drei Stadtstaaten
organisiert, deren Hauptstädte Tenochtitlán (Altstadtbereich
von Mexiko-City),Tetzcoco und Tlatocan (Tacuba, Teil von
Mexiko-City) waren.
Zur Zeit der spanischen Eroberung stellte Tenochtitlán die führende
Macht dar. In ihrem Kerngebiet handelten alle drei Staaten
selbständig. Es bestand zwar Rivalität untereinander, doch
wurden Eroberungszüge untereinander abgesprochen. Die Tribute
der eroberten Gebiete wurden nach einer festen Regelung
untereinander geteilt: Tenochtitlán und Tetzcoco erhielten
jeweils 2/5, während Tlacopan ein Fünftel bekam. Es gab jedoch
auch Gebiete, die einer anderen Regelung unterlagen. Die Tribute
bestanden aus Luxus- und Verbrauchsgütern, Lebensmitteln und
Rohstoffen. Kakaobohnen gehörten zu den Tributen und
Leckerbissen der Reichen, wurden von den Azteken aber auch als
Zahlungsmittel benutzt.
Die Azteken waren bei den meisten Völkern gefürchtet, weil sie
jeden Vorwand nutzten oder auch schufen, um Krieg zu führen.
Doch Krieg war nicht die einzige Form von aztekischer
Machtpolitik. In vielen Fällen wurden sie von einer Gruppe, die
im Streit mit einer anderen Gruppe lag, zur Hilfe gerufen. Auch
konnten sie bei Eroberungen mit der Unterstützung von lokalen
Anhängern rechnen. Eine weitere politische Einflussnahme waren
politische Hochzeiten.
Das Militär war für eine so kriegerische Kultur, wie es die
Azteken waren, sehr wichtig, weshalb alle unverheirateten Männer
(die Heirat fand etwa mit zwanzig Jahren statt) eine militärische
Ausbildung durchlaufen mussten. Anschließend wurden sie im
Falle eines Krieges zum Kriegsdienst aufgerufen. Die Ausbilder
und die unverheirateten Männer standen als Kader zur Verfügung,
die im Falle einer Mobilmachung Waffenübungen veranstalteten
und die Truppenteile anführten. Bei der Aufstellung zum Kampf
wurden erfahrene mit unerfahrenen Männer gemischt. An der
Spitze der Truppen standen zwei Heerführer, die aus dem Adel
(oft aus der engeren Familie des Herrschers) stammten und
entsprechende Kriegserfahrung besaßen. Die ansässige Bevölkerung
musste die Krieger, die noch etwas Notvorrat bei sich trugen,
beim Vorüberziehen versorgen.
Die Völker Zentralmexikos setzten sich aus zwei sozialen
Schichten zusammen: dem einfachen Volk (macehualli) und dem Adel
(plilli, Plural: pipiltin). Der Adel bestand aus zahlreichen
Adelshäusern oder -linien. Das Oberhaupt eines solchen
Adelshauses hieß teuctli. Aus der direkten Nachkommenschaft
wurde der Nachfolger gewählt. Der Sitz einer solchen Adelslinie
und ihres Oberhauptes war der "Palast", zu dem ein oft
beachtlicher Landbesitz gehörte, der entweder dem Oberhaupt
direkt untersteht oder Angehörigen seiner oder einer Nebenlinie
unterstand. Diese Ländereien wurden vererbt oder mitunter auch
durch Wetten gewonnen. Die Felder wurden von abhängigen Bauern
bearbeitet, die einen bestimmten Ernteanteil an den Landbesitzer
abgeben mussten. Außerdem mussten diese Bauern und ihre
Familienangehörige Dienstleistungen (weben, Mais mahlen,
Tortilla zubereiten, Handlangerdienste bei Bauarbeiten)
verrichten. Auch Handwerker, die Produkte liefern mussten, gehörten
zum Adelshaus.
Der Besitz der Adligen war unterschiedlich. Arme Adlige
unterschieden sich kaum vom einfachen Volk und mussten häufig
selber arbeiten, um zu überleben. Doch in der Regel lebten die
Adligen von ihren Untergebenen. Adlige konnten daher auch
mehrere Frauen heiraten, während bei der Bevölkerung eine Frau
pro Mann üblich war. Die Adligen konnten zwischen weltlichen
(Richter und andere Staatsbeamten) und geistlichen Ämtern wählen.
Der Herrscher eines Staates oder eines Stadtstaates gehörte gewöhnlich
der wichtigsten Adelslinie an. Er trug als Zeichen seiner Macht
ein xiuhuitzolli, eine Art Diadem, sein Palast war
wirtschaftliches und politisches Zentrum. Der Nachfolger des
Herrschers wurde auf dieselbe Art wie das Oberhaupt eines
Adelshauses bestimmt: Er wurde gewöhnlich innerhalb der Linie
ausgewählt und anschließend von den Standesgenossen bestätigt
und anerkannt. Der Anwärter musste jedoch entsprechende
Kriegstaten vorweisen können. Mitunter hatten die Nachkommen
einer Ehefrau entsprechend hoher Adelslinie den Vorrang.
In Tenochtitlán war das Verfahren etwas anders: Es wurden die
Brüder des verstorbenen Herrschers bevorzugt, erst wenn keine
Brüder mehr vorhanden waren, ging die Thronfolge auf den Sohn
über.
Ehen spielten eine wichtige politische Rolle. Zum einen gaben
die Oberherrscher der drei Stadtstaaten ihre Töchter als
Ehefrauen an ihre untergebenen Herrscher, die durch die Hochzeit
mit den Töchtern sich den Oberherrschern verpflichteten. Die
Oberherrscher von Tetzcoco und Tenochtitlán heirateten beide
die Tochter des anderen. Man kann dadurch eine gewisse Abhängigkeit
von tetzcoco erkennen, denn dort wurde ein Nachfolger des
Herrschers bevorzugt, der aus der Linie des Oberherrschers von
Tenochtitlán stammte. Umgekehrt war dies nicht der Fall.
Das einfache Volk bestand größtenteils aus Bauern und lebte
von der Ernte und von oft zusätzlichen Handwerksarbeiten. Der
Sohn ergriff meist den Beruf des Vaters. Es gab verschiedene
Arten von Bauern. Einige gehörten Gruppen an, die Land besaßen.
Das Land wurde individuell bewirtschaftet und war vererbbar,
durfte allerdings nicht verkauft werden. Ein Teil des Landes
wurde für Gemeinschaftsausgaben bearbeitet. Zu diesen Ausgaben
gehörten die Ausgaben für Tempel und Jungmännerhaus und für
den Unterhalt des Ältesten, der Gruppenvorstand war und die
Gruppe repräsentierte. Der Älteste verteilte die Parzellen
Land an die Mitglieder und überwachte den Anbau. Der einzelne
Bauer musste im Gegensatz zu der Gruppe keinen Tribut an den
Herrscher abliefern. Auch musste die Gruppe Felder des
Herrschers, die ihm als Amtsland zustanden, bearbeiten.
Die zweite Art von Bauern war die bereits erwähnte vom Adel abhängige
Schicht. Diese Bauern lebten meist Generationen lang auf dem
Besitz des Adels, obwohl sie frei waren und somit auch hätten
gehen können. Der Grund der Abhängigkeit lag meist an
Eroberungen oder anderen Ereignissen, die der Adel genutzt
hatte, um sich das Land anzueignen.
Die Handwerker, die übliche Gebrauchsgegenstände herstellten,
gehörten meistens Bauerngruppen an oder waren von den Adligen
abhängig. Kunsthandwerker wie Gold- und Silberschmiede,
Edelsteinschleifer und Federarbeiter bildeten eigene Gruppen und
lebten in getrennten Wohnvierteln. Meist arbeiteten sie im
Auftrag Adliger, doch verkauften sie ihre Produkte auch auf Märkten.
Ihre Tribute bezahlten sie in Form von Produkten.
Eine weitere Volksgruppe ist die der Händler, die intern jedoch
soziale Unterschiede aufweist. Vor allem Fernhändler nahmen auf
Grund ihres Reichtums einen gehobenen Platz in der Gesellschaft
ein. Ihr Reichtum erlaubte es ihnen auch, Adlige zu Festen
einzuladen. Die Organisation der Händler ist zunftähnlich,
hierarchisch und autonom. Die Aufgabe der Fernhändler war die
Einführung von Luxusgütern. Auch Frauen waren an dem Handel
beteiligt. Die Fernhändler hatten auch politische Funktion. Sie
traten als Gesandte der aztekischen Herrschern anderen
Herrschern gegenüber auf. Und einige, sogenannte
"Tarnkaufleute", hatten die Funktion von Spionen in
noch nicht eroberten Gebieten.
Es gab bei den Azteken auch Sklaven, jedoch nicht in dem Sinne
von Ware. Vielmehr hatten diese Sklaven ihre Arbeitskraft an
eine andere Person für eine Zeitlang "verpfändet",
sei es für eine Vergütung oder wegen eines Verbrechens. Ihre
Kinder waren jedoch frei.
Die Männer hatten durch kriegerische Leistungen die Möglichkeit
zu einem sozialen Aufstieg. Besonders wenn sie Feinde zwecks
Opferungen Gefangennamen, erhielten sie das Recht, bestimmte
Haartrachten, Insignien, Kleidung- und Schmuckstücke zu tragen,
die ihnen der Herrscher persönlich überreichte. Besonders
verdienten Kriegern wurde Land zur Belohnung geschenkt, das sie
jedoch nur Adlige verkaufen durften.
Inka
Eine
der wichtigsten und am stärksten verbreiteten Kulturen Südamerikas
war die Inca-Kultur. Sie hatte ihre Blütezeit von 1200 bis 1533
und noch einige Zeit darüber hinaus, bis die sehr bedeutende
Mestizenkunst aufkam. Sie umschloß Gebiete des heutigen
Ecuadors, vor allem die Hauptstadt Quito, auch große Gegenden
in Peru, Bolivien, Kolumbien und Chile.
Folgende
ist die Sage, die den Ursprung und das Entstehen des ersten
Incas erzählt:
"Wisse,
dass in alten Zeiten dieses Land ringsum nichts war als Berg und
Heide. Wie Tiere lebten die Menschen, ohne Glauben und Sitte. Da
erbarmte sich ihrer unser Vater, der Sonnengott, und vom Himmel
herab sandte er ihnen einen Sohn und eine Tochter, um sie zu
unterweisen in der Kenntnis unseres Vaters. Ihn sollten sie als
Gott anbeten und verehren. Auch sollten sie Satzungen geben, um
sie zu lehren, vernunftgemäß und gesittet in Häusern und
Siedlungen zu wohnen, die Erde zu pflügen, zu säen und zu
ernten, Tiere zu züchten und vom Ertrag ihrer Arbeit zu leben
als Menschen und nicht wie Tiere. Mit solchem Auftrag versetzte
unser Vater, die Sonne, beide auf eine Insel im Titicacasee,
damit sie von dort aus ihren Weg nähmen, wie es ihnen gut dünkte.
Er gab ihnen eine goldene Rute mit auf die Wanderung. An ihren
Raststellen sollten sie dieselbe in den Boden stecken, und wo
die goldene Rute beim ersten Schlag in der Erde versänke, dort
sollten sie bleiben, ihre Stadt bauen und ihre Herrschaft
errichten. Zuletzt sagte er ihnen: "Nachdem ihr so jene Völker
in meinem Dienste unterwiesen habt, herrscht alsdann über sie
mit Einsicht und Gerechtigkeit. Euch erhebe ich zu Fürsten und
Herren jener Völker, die ihr also mit eurer Weisheit, Wort und
Tat regieren werdet. . . " Nach diesen Worten
verabschiedete sich unser Vater, der Sonnengott, von seinen
Kindern. Diese nahmen nordwärts ihre Wanderung auf, und wo
immer sie rasteten, warfen sie die goldene Rute zur Erde. Der
Inca und seine Gattin gelangen in das Tal von Cusko, damals
Wildnis und Wald. Auf der Höhe, die heute Huanacauri heißt,
pflanzte der Inca die goldene Rute in die Erde, und siehe da,
augenblicklich drang sie in den Felsengrund und verschwand. Da
sprach unser Inca zu seiner Schwester-Frau: " In diesem
Tale gebietet uns Inti, unser Vater, zu bleiben, zu siedeln und
zu herrschen. " Von Huanacauri stiegen alsdann unsere
ersten Könige herab. Sowie die Menschen der Wildnis die beiden
Inca erblickten, erkannten sie sie als Kinder der Sonne. Sie
schenkten ihnen volles Vertrauen, und seitdem gehorchten sie
ihnen als ihren Fürsten. Der erste Inca hieß Manco Kapac, die
erste Fürstin Mama Occlo Huako. Sie gründeten dort die Stadt
Cusco, diese wurde in Ober- und Untercusco geteilt, und in der
Mitte lag der große Palast. Das geheiligte Blut des
Sonnengeschlechtes durfte sich nicht mit gewöhnlichem Blut
vermischen. Der Inca konnte sich mit einer ebenbürtigen
Schwester vermählen, damit der göttliche Glanz des Stammes
nicht verblasse. . . " Soweit die Sage der Entstehung der
Incas.
Bevor die Incas die Gegenden vom heutigen Ecuador in Besitz
nahmen, regierten dort andere, aber nicht sehr umfangreiche,
Kulturen, wie z. B. die Shyris-Indianer, ein Seefahrervolk, das
den Río Esmeraldas flussaufwärts wanderte, bis es auf die
Quitu-Indianer stieß, die es kurzerhand unterwarf. Auch die
Puruguayas hatten ihren Wohnsitz südlich von Quito. Ungefähr
Ende des 13. Jahrhunderts stießen die Incas in diese Region
ein. Zum selben Zeitpunkt drangen sie in die restlichen Gegenden
von Peru ein. Diese waren von anderen Kulturen besiedelt, z. B.
die Chavín-Kultur, die für ihre Keramik und Steinreliefs
bekannt war. Ihr Gottwesen bestand aus einer Vereinigung von
Jaguar, Harpyie (Greifvogel) und Anakonda. Man vermutet, dass
die Chavins ursprünglich vom Urwald stammen. Die Paracas lebten
in Südperu zwischen 700 v. Chr. und 150 n. Chr. Dieses Volk
mumifizierte seine Toten und wickelte sie in wertvolle Tücher.
Die Textilien der Paracas-Kultur gehören zu den perfektesten,
welche je in Amerika gewebt wurden. Die Nachfolgerin der
Paracas-Kultur entwickelte sich zwischen 100-700 n. Chr. in der
trockenen Wüste Südperus, sie nannten sich Nazcas. Das Sammeln
von Trophäenköpfen war ein wichtiges Element dieser Kultur.
Die Trophäenköpfe lassen auf kriegerische Auseinandersetzungen
schließen; den besiegten Feinden wurden die Köpfe abgeschlagen
und zu Schrumpfköpfen verarbeitet. Zeitgenossen der Nazcas
waren im Norden des Landes die Mochicas. In Trujillo hinterließen
sie zwei beachtliche Pyramiden. Den Mochicas folgten die Chimús.
Sie waren Meister in der Goldschmiedekunst.
Die Incas bauten Paläste aus Steine, weil dies das Symbol und
das Material ihrer Berge war. Im Innern der Paläste verkleidete
man den Stein, indem man Goldplatten auflegte. Die Sonne war der
sichtbare Gott, und ihr Kult im Palast war eine Art Astronomie,
mit einem Planetarium.
Die Feste von Titicaca, ganz denen von Cusco angeglichen, gehörten
zu den großartigsten des ganzen Reiches. Bei den Hauptfesten führten
sie die Götterbilder in feierlicher Prozession nach der
Aucay-Pata. Dort zogen sie ihre Fußbekleidung aus, legten alles
ab und warfen sich vor den Statuen nieder. Höhepunkt des
Reinigungsfestes war die Opferung einer Frau.
Die Körper der Verblichenen wurden mit solcher Kunst
einbalsamiert, dass sie fortzuleben schienen. Der Tod mag für
die Altperuaner das unverständlichste aller Geheimnisse des
Daseins gewesen sein. Der Übergang einer Existenz ins Nichtsein
war undenkbar für sie.
Der Nachfolger Manco Kapacs war der Incakönig Huayna Kapac.
Unter ihm erstreckte sich das Inkareich vom heutigen Südkolumbien
bis weit nach Chile hinein. Doch 1525 wurden dieser und sein ältester
Sohn von der Beulenpest dahingerafft. Als sie starben, bestimmte
der Herrscher seinen Sohn Ninan Cuyuchi als Nachfolger. Doch
auch diesen holte die Pest. Übrig blieben Atahualpa, der mit
seinem Vater nach Ecuador gezogen war, und Huascar, der zur
Verteidigung Cuzcos in Peru geblieben war. Es kam im ohnehin
noch nicht gefestigten Reich zum Bruderkrieg. Auf Atahualpas
Seite waren erfahrene Generäle und ein großer Teil des
Inca-Heeres, Huaskar wurde von der Priesterschaft Cuscos unterstützt.
Aus dem fünfjährigem Bruderkrieg ging Atahualpa als Sieger
hervor. Seine Generäle hatten Cuzco erobert und den
Incaherrsher gefangengenommen. Atahualpa war nun der absolute
Herrscher. Er war Staat, Gesetz und Gewissen zugleich. Ihm
gehorchen war das ganze Gesetz. Atahualpa meinte einmal zu
Pizarro: " In meinem Reiche fliegt kein Vogel und bewegt
sich kein Blatt, wenn ich es nicht will."
Als die Spanier in das Reich der Incas eindrangen, nahmen sie
Atahualpa als Geisel, da sie wussten, dass dieser der Herrscher
des Reiches war. Atahualpa wollte sich freikaufen und schloss
einen Vertrag mit Pizarro, doch dieser hielt nicht sein Wort.
Der Incaherrscher hoffte noch auf eine Befreiung, doch die
einzige Lösung, die er fand, war, seinen Bruder aus der Welt zu
schaffen, um nur noch als Alleinherrscher zu existieren. Huaskar
wurde in grausamster Weise umgebracht und die Leiche in den
Yanamayo-Fluß geworfen. Atahualpa wurde nie freigelassen, später
jedoch wegen des Mordes an seinem Bruder Huaskar angeklagt. Das
Urteil lautete auf Tod durch Erdrosselung mit nachfolgender
Verbrennung. Atahualpa versuchte alles mögliche, um
freigelassen zu werden, aber als er merkte, dass er gegen eine
Mauer redete, gewann er seine Beherrschung zurück. Da man ihm
versprach, seinen Leichnam nicht zu verbrennen, wenn er sich
taufen ließe, gab er dazu seine Einwilligung; denn die
Erhaltung des Körpers war für die Glaubensvorstellung der
Incas von unbedingter Wichtigkeit. Atahualpa erhielt den
Taufnamen Juan. Als die Indios ihres Fürsten ansichtig wurden,
brach aus ihnen eine Eruption von hemmungslosen Klagen und
wilden Schreien aus. An einem Pfahl wurde das Urteil durch
Erdrosseln vollstreckt, zwei Stunden nach Sonnenuntergang, am
29. August des Jahres 1533. Der letzte Inca war tot. Nachdem
sich die Spanier zurückgezogen hatten, drangen die Indianer
heimlich in die Kirche und nahmen den Leichnam ihres Fürsten
mit sich, um ihn nach Brauch zu mumifizieren und zu bestatten.
Nie erfuhr man mit Sicherheit, wo. Gerüchte besagten, in seiner
Mutterstadt Puito. Damit ging die Inca-Kultur unter, weil die
Indianer nicht in der Lage waren, ohne ihrem Herrscher
voranzukommen.
Eine der in Ecuador noch erhaltenen Kulturen sind die Otavaleños.
In der Kolonialzeit waren sie Zwangsarbeiter; als sie frei
wurden, blieben sie bei ihren Leisten, der Webkunst. Sie haben
es dabei verstanden, ihre kulturelle Eigenständigkeit zu
bewahren. Zu erkennen sind Otavaleños an ihren langen schwarzen
Zöpfen, die Männer und Frauen gleichermaßen tragen. Die
Otavaleños gehören zu den wohlhabendsten Indianergruppen Südamerikas.
Eine andere noch erhaltene Kultur ist die Auca- oder
Huaorani-Kultur. Sie leben schon seit 10000 Jahren im Oriente
des heutigen Ecuadors. Ihre Zahl wird auf 500-700 Seelen geschätzt,
nur noch sehr wenige leben isoliert und ohne Kontakt zur
westlichen Welt.
Zur Sprachgruppe der Jívaro-Indianer gehören etwa 30000 Shuar
und 5000 Achuar. Sie wohnen im Grenzgebiet der Anden-Osthänge
zwischen Ecuador und Peru. Einen makabren Ruhm erwarben sich die
Shuar durch ihre Sitte, ihren Feinden den Kopf abzuschlagen und
zu einem Schrumpfkopf, der tsantsa, zu verarbeiten.
Die letzte Kultur ist die Kultur der Colorados. Die Indianer von
Santo Domingo heißen so, weil sie sich eine rote Paste aus
Achiote-Fruchtkapseln ins Haar schmieren, bis es wie ein Helm
aussieht. Dazu bemalen sie ihren Körper zebrastreifenartig mit
einer pflanzlichen Farbe, dem huito. Im ganzen Land bekannt sind
die Colorados für ihre Naturheilkunst.
Literaturhinweis:
Das
alte Mexico, Geschichte und Kultur Mesoamerikas, von Hanns Prem
und Ursula Dyckerhoff, Bertelsmann-Verlag
Ecuador, Peru, Bolivien, von Mäged Helmy und Donald Träris,
Regenbogen-Verlag
Im Reich der Inca, von Siegfried Huber, Walter-Verlag
©
Gabi Strunck; Ruth Plitman


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