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Von
Rupert Sheldrake
In
meinem Buch "Das schöpferische Universum" habe ich
immer wieder kurz die Hauptmerkmale morphischer Felder erwähnt.
Nun möchte ich diesen Begriff ausführlich erläutern und auf
einige der damit verbundenen Phänomene eingehen.
Mein
Interesse an diesen Ideen erwachte während meiner Forschungstätigkeit
zur Evolution von Pflanzen an der Universität Cambridge. Wie
entwickeln sich Pflanzen aus einfachen Embryonen zur
charakteristischen Form ihrer Art? Wie nehmen die Blätter von
Weiden, Rosen und Palmen ihre Form an? Wie entwickeln ihre Blüten
sich auf so unterschiedliche Weise? All diese Fragen haben etwas
mit dem zu tun, was die Biologen Morphogenese nennen, die
Entstehung von Form (abgeleitet von den griechischen Wörtern
morphé = Form und génesis = Erzeugung, Entstehen), die eines
der großen ungelösten Probleme der Biologie ist.
Wenn
man sich naiv mit diesen Problemen befasst, erklärt man
schlicht, jede Morphogenese sei genetisch programmiert. Die
einzelnen Arten befolgen einfach die Anweisungen ihrer Gene.
Aber nach kurzem Nachdenken erkennt man, dass diese Antwort
nicht ausreicht. Alle Zellen des Körpers enthalten die gleichen
Gene. In Ihrem Körper zum Beispiel ist das gleiche genetische
Programm in Ihren Augenzellen, in Ihren Leberzellen ebenso wie
in den Zellen Ihrer Arme und Beine vorhanden. Aber wenn sie alle
identisch programmiert sind, warum entwickeln sie sich dann so
unterschiedlich?
Manche
Gene kodieren die Sequenz der Aminosäuren in Proteinen, andere
sind an der Steuerung der Proteinsynthese beteiligt. Sie ermöglichen
es Organismen, bestimmte Chemikalien zu erzeugen. Aber damit
allein lässt sich die Form nicht erklären. Ihre Arme und Ihre
Beine sind in chemischer Hinsicht identisch. Würden sie
zermahlen und biochemisch analysiert, wären sie
ununterscheidbar. Aber sie besitzen unterschiedliche Formen.
Ihre Form lässt sich nur mit etwas erklären, was über die
Gene und die von ihnen kodierten Proteine hinausgeht.
Das
ist leichter zu verstehen, wenn man es einmal mit der
Architektur vergleicht. In einer Straße in der Stadt stehen
unterschiedlich gebaute Häuser, aber was sie unterscheidet,
sind nicht die Baumaterialien. Sie könnten alle aus chemisch
identischen Ziegeln, Betonteilen, Hölzern und so weiter
hergestellt sein. Würde man sie abreißen und chemisch
analysieren, wären sie nicht zu unterscheiden. Was sie
unterscheidet, sind die Pläne der Architekten, nach denen sie
erbaut wurden. Diese Pläne tauchen in keiner chemischen Analyse
auf.
Die
Biologen, die die Formentwicklung bei Pflanzen und Tieren
studieren, sind sich seit langem dieser Probleme bewusst, und
seit den zwanziger Jahren vertreten viele Forscher die Ansicht,
dass sich entwickelnde Organismen von Feldern geformt werden,
den sogenannten morphogenetischen Feldern. Sie sind so etwas wie
unsichtbare Entwürfe, die der Form des wachsenden Organismus
zugrunde liegen. Aber sie sind natürlich nicht von einem
Architekten gezeichnet, genauso wenig wie man sich vorstellen
darf, dass ein «genetisches Programm» von einem
Computerprogrammierer entworfen ist. Es sind Felder: sich selbst
organisierende Einflussgebiete, vergleichbar magnetischen
Feldern und anderen bislang anerkannten Feldern in der Natur.
Der
Begriff der morphogenetischen Felder ist zwar in der Biologie
weithin anerkannt, aber niemand weiß, was diese Felder sind
oder wie sie funktionieren. Die meisten Biologen nehmen an, dass
sie irgendwann einmal als normale physikalische und chemische Phänomene
erklärt werden können. Aber das ist nichts weiter als ein
Irrglaube. Nachdem ich mich jahrelang mit den Problemen der
Morphogenese herumgeschlagen und über morphogenetische Felder
nachgedacht hatte, war ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass
es sich bei diesen Feldern nicht bloß um irgendwelche
mechanistischen Standardprozesse, sondern um etwas wirklich
Neues handelt. Dies war der Ausgangspunkt dafür, dass ich die
Idee der morphogenetischen Felder entwickelte. Zum ersten Mal
habe ich sie in meinem Buch Das schöpferische Universum
vorgestellt und dann in meinem Buch Das Gedächtnis der Natur
weiterentwickelt. Dieser Begriff besitzt drei Hauptmerkmale:
Erstens:
Morphogenetische Felder sind eine neue Art von Feld, die bislang
von der Physik nicht anerkannt wird.
Zweitens:
Sie nehmen Gestalt an, entwickeln sich wie Organismen. Sie haben
eine Geschichte und enthalten ein immanentes Gedächtnis
aufgrund des Prozesses, den ich morphische Resonanz nenne.
Drittens:
Sie sind Teil einer größeren Familie von Feldern, den
sogenannten morphischen Feldern.
Auf
diesen Prinzipien basiert das, was ich die Hypothese der
Formenbildungsursachen nenne.
Die
Hypothese der Formenbildungsursachen
In
dieser Hypothese behaupte ich, dass es in selbstorganisierenden
Systemen auf allen Komplexitätsebenen eine Ganzheit gibt, die
auf einem charakteristischen organisierenden Feld dieses Systems
beruht, seinem morphischen Feld. Jedes selbstorganisierende
System ist ein Ganzes, das aus Teilen besteht, die wiederum
Ganze auf einer tieferen Ebene sind. Auf jeder Ebene verleiht
das morphische Feld jedem Ganzen seine charakteristischen
Eigenschaften und bewirkt, dass es mehr ist als die Summe seiner
Teile.
Bei
Pflanzen nennt man die Felder, die für die Entwicklung und
Aufrechterhaltung der Körperform zuständig sind,
morphogenetische Felder. Bei der Organisation von Wahrnehmung,
Verhalten und geistiger Tätigkeit nennt man sie Wahrnehmungs-,
Verhaltens- und geistige Felder. Bei Kristallen und Molekülen
heißen sie Kristall- und Molekülfeldern Bei der Organisation
von Gesellschaften und Kulturen spricht man von sozialen und
kulturellen Feldern. All diese Arten von organisierenden Feldern
sind morphische Felder.
Morphische
Felder sind, genauso wie die bereits anerkannten Felder der
Physik, Einflussgebiete in der Raum-Zeit, innerhalb der und um
die Systeme herum angesiedelt, die sie organisieren. Sie wirken
probabilistisch. Sie beschränken den immanenten Indeterminismus
der unter ihrem Einfluss befindlichen Systeme oder zwingen ihm
eine Ordnung auf. Sie umfassen und verknüpfen die verschiedenen
Teile des Systems, das sie organisieren. Somit organisiert ein
kristallines Feld die Art und Weise, wie die Moleküle und Atome
im Innern des Kristalls angeordnet sind. Ein Seeigel-Feld formt
die Zellen und Gewebe innerhalb des heranwachsenden
Seeigelembryos und führt seine Entwicklung auf die
charakteristische ausgewachsene Form der Spezies hin. Ein
soziales Feld organisiert und koordiniert das Verhalten von
Individuen innerhalb einer sozialen Gruppe, zum Beispiel die Art
und Weise, wie einzelne Vögel in einer Schar fliegen.
Morphische
Felder führen die von ihnen beeinflussten Systeme zu
charakteristischen Zielen oder Endpunkten hin. Der britische
Biologe C. H. Waddington gab den kanalisierten Pfaden der Veränderung,
die von morphogenetischen Feldern organisiert wird, den Namen
Chreode und veranschaulichte diese Chreoden in Gestalt von Kanälen,
durch die eine Kugel zum Ziel hin rollt. Die Kugel steht für
die Entwicklung eines bestimmten Teils des Embryos zu seiner
charakteristischen reifen Form hin, zum Beispiel dem Herzen oder
der Leben Störungen in der normalen Entwicklung können die
Kugel vom Boden des Kanals weg und an der Kanalwand hochdrücken,
aber wenn sie nicht über die Oberkante dieser Wand hinweg in
einen anderen Kanal gedrückt wird, kehrt sie wieder zum Boden
des Kanals zurück, allerdings nicht zu dem Punkt, von dem aus
sie gestartet war, sondern an eine spätere Position im
kanalisierten Pfad der Veränderung. Dieser Vorgang steht für
die embryonale Regulation, den Prozess, durch den ein sich
entwickelnder Organismus trotz aller Störungen während des
Entwicklungsprozesses eine normale erwachsene Form erreichen
kann.
Der
Mathematiker René Thom hat mathematische Modelle von
morphogenetischen Feldern entwickelt, in denen die Endpunkte,
auf die hin Systeme sich entwickeln, als Attraktoren definiert
werden. In der Dynamik, einem Zweig der Mathematik, stellen
Attraktoren die Grenzen dar, zu denen dynamische Systeme
hingezogen werden. Sie ermöglichen eine wissenschaftliche Beschäftigung
mit Zielen, Zwecken oder Absichten.
Das
umstrittenste Merkmal dieser Hypothese ist die Behauptung, dass
morphische Felder sich entwickeln. Sie sind nicht für alle Zeit
durch ewig gültige mathematische Gleichungen in einer Art
transzendentem platonischem Reich oder durch ein
Read-only-Programm in einer kosmischen CD-ROM fixiert. Ihre
Struktur beruht auf dem, was zuvor geschehen ist. Sie enthalten
eine Art Gedächtnis. Durch Wiederholung werden die Muster, die
sie organisieren, zunehmend wahrscheinlich, zunehmend
gewohnheitsmäßig.
Das
erste Feld irgendeines Typs, etwa das Feld der ersten
Insulinkristalle oder das Feld einer neuen Idee wie Darwins
Theorie der Evolution, entsteht durch einen kreativen Sprung.
Die Quelle dieser evolutionären Kreativität ist unbekannt.
Vielleicht handelt es sich um einen Zufall, vielleicht um den
Ausdruck irgendeiner im Geist und in der Natur angesiedelten
Kreativität.
Ganz
gleich, wie sich dieser Ursprung erklären lässt - sobald ein
neues Feld, ein neues Organisationsmuster entstanden ist, wird
dieses morphische Feld durch Wiederholung stärker. Das gleiche
Muster wird wahrscheinlich wieder auftreten. Je häufiger Muster
sich wiederholen, desto wahrscheinlicher werden sie - die Felder
enthalten eine Art von kumulativem Gedächtnis und nehmen
zunehmend den Charakter des Gewohnheitsmäßigen an. Felder
entwickeln sich in der Zeit und bilden die Basis für
Gewohnheiten. Aus dieser Sicht ist die Natur prinzipiell
gewohnheitsmäßig. Selbst die sogenannten «Naturgesetze» sind
vielleicht eher so etwas wie Gewohnheiten.
Informationen
oder Handlungsmuster werden von einem System auf ein folgendes
System der gleichen Art durch die, wie ich es nenne, morphische
Resonanz übertragen. Bei der morphischen Resonanz handelt es
sich um den Einfluss von Gleichem auf Gleiches, von
Handlungsmustern auf nachfolgende ähnliche Handlungsmuster, ein
Einfluss, der sich durch Raum und Zeit fortpflanzt. Diese Einflüsse
lassen vermutlich mit der räumlichen und zeitlichen Entfernung
nicht nach, aber sie stammen nur aus der Vergangenheit, nicht
aus der Zukunft. Je größer die Ähnlichkeit, desto stärker
der Einfluss der morphischen Resonanz.
Die
morphische Resonanz ist die Basis des inhärenten Gedächtnisses
in Feldern auf allen Komplexitätsebenen. Jedes morphische
System, etwa ein Giraffenembryo, «schaltet sich ein» auf
vorhergehende ähnliche Systeme, in diesem Fall auf
vorhergehende sich entwickelnde Giraffen. Durch diesen Prozess
greift jede einzelne Giraffe auf ein kollektives oder vereintes
Gedächtnis seiner Spezies zurück und trägt ihrerseits dazu
bei. Beim Menschen kann diese Art des kollektiven Gedächtnisses
durchaus eng mit dem verwandt sein, was der Psychologe C. G.
Jung das «kollektive Unbewusste» genannt hat.
Diese
Hypothese erlaubt eine Reihe von Vorhersagen auf den Gebieten
der Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und der
Sozialwissenschaften. Uralte Systeme wie Wasserstoffatome,
Salzkristalle und Hämoglobinmoleküle werden von so starken
morphischen Feldern, so tief verwurzelten Gewohnheiten
gesteuert, dass sich an ihnen kaum eine Veränderung beobachten
lässt. Sie verhalten sich, als ob sie von fixierten Gesetzen
gesteuert würden. Im Gegensatz dazu sollten neue Systeme neue
Kristalle, neue Formen von Organismen, neue Verhaltensmuster,
neue Ideen eine zunehmende Tendenz aufweisen, sich selbst
hervorzubringen, je öfter sie wiederholt werden. Sie sollten
zunehmend wahrscheinlicher, immer gewohnheitsmäßiger werden.
Bei der morphischen Resonanz geht es um nichtlokale Wirkungen im
Raum wie in der Zeit. Hier ein Überblick über die
hypothetischen Eigenschaften morphischer Felder, wie ich sie in
meinem Buch Das Gedächtnis der Natur dargelegt habe:
1.
Sie sind selbstorganisierende Ganzheiten.
2.
Sie besitzen sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen
Aspekt und organisieren räumlich-zeitliche Muster von
rhythmischer Aktivität.
3.
Durch Anziehung führen sie das unter ihrem Einfluss stehende
System zu bestimmten Formen und Aktivitätsmustern hin, deren
Entstehen sie organisieren und deren Stabilität sie
aufrechterhalten. Die End- oder Zielpunkte, auf die die
Entwicklung unter dem Einfluss der morphischen Felder zusteuert,
werden Attraktoren genannt.
4.
Sie verflechten und koordinieren die morphischen Einheiten oder
Holons, die in ihnen liegen, und auch diese sind wiederum
Ganzheiten mit eigenen morphischen Feldern. Die morphischen
Felder verschiedener Grade oder Ebenen sind ineinander
verschachtelt, sie bilden eine Holarchie.
5.
Sie sind Wahrscheinlichkeitsstrukturen, und ihr organisierender
Einfluss besitzt Wahrscheinlichkeitscharakter.
6.
Sie enthalten ein Gedächtnis, das durch Eigenresonanz einer
morphischen Einheit mit ihrer eigenen Vergangenheit und durch
Resonanz mit den morphischen Feldern aller früheren Systeme ähnlicher
Art gegeben ist. Dieses Gedächtnis ist kumulativ. Je häufiger
ein bestimmtes Aktivitätsmuster sich wiederholt, desto mehr
wird es zur Gewohnheit oder zum Habitus.
In
meinen Büchern Das schöpferische Universum und Das
Gedächtnis der Natur habe ich eine Vielzahl experimenteller
Tests der morphischen Resonanz erörtert. Der Erfolg aller
dieser Tests hängt davon ab, inwieweit sich Veränderungen in
der Leichtigkeit oder Wahrscheinlichkeit feststellen lassen, mit
der das wiederholte Muster erneut auftritt. Mit anderen Worten:
Ich habe mich auf den Aspekt der Hypothese der
Formenbildungsursachen konzentriert, den ich oben in Punkt 6
formuliert habe. Zunächst also habe ich keine Experimente
vorgeschlagen, mit denen sich der allgemeine Aspekt der
Hypothese der Formenbildungsursachen testen ließe, nämlich die
Existenz der räumlich ausgedehnten Felder selbst, deren
Merkmale in den Punkten 1 bis 5 formuliert sind. Diese Frage
habe ich in meinem Buch Sieben Experimente, die die Welt verändern
könnten angesprochen, und darauf werde ich später noch
eingehen.
Zusammenhänge
mit der Quantenphysik
Experimente
zum Testen der räumlichen Aspekte rnorphischer Felder lassen
auf eine Art von Nichtlokalität schließen, die gegenwärtig
von der Schulwissenschaft nicht anerkannt wird. Dennoch wird
sich vielleicht herausstellen, dass sie mit der Nichtlokalität
oder Nichttrennbarkeit zusammenhängen, die ein integraler
Bestandteil der Quantentheorie ist und Zusammenhänge oder
Korrelationen über eine Distanz hinweg impliziert, die sich die
klassische Physik nicht hätte träumen lassen. Albert Einstein
beispielsweise war die Vorstellung einer «geistigen Aktion über
eine Distanz hinweg» zutiefst zuwider - aber seine schlimmsten
Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Neuere Experimente
beweisen, dass diese Zusammenhänge von zentraler Bedeutung für
die Physik sind. Noch sind wir uns über ihre umfassenderen
Implikationen nicht im klaren. Vielleicht hängen sie mit dem
zusammen, was ich morphische Felder nenne. Aber niemand weiß
dies bislang. Die Nichtlokalität ist einer der überraschendsten
und paradoxesten Aspekte der Quantentheorie: Teile eines
Quantensystems, die in der Vergangenheit miteinander verbunden
gewesen sind, behalten eine unmittelbare Verbundenheit, selbst
wenn sie sehr weit voneinander entfernt sind. Zwei Photonen
beispielsweise, die sich per definitionem mit
Lichtgeschwindigkeit bewegen und die sich in entgegengesetzten
Richtungen von einem Atom entfernen, das sie ausgestrahlt hat,
behalten eine direkte nichtlokale Verbundenheit - wenn die
Polarisation des einen gemessen wird, weist das andere sofort
die entgegengesetzte Polarisation auf, selbst wenn die
Polarisation jedes Teilchens erst im Augenblick der Messung
ermittelt wurde.
Die
zwei im Raum getrennten Teile desselben Systems sind durch ein
Quantenfeld miteinander verbunden. Aber dies ist kein Feld im
gewöhnlichen Raum, sondern es wird vielmehr mathematisch als
ein vieldimensionaler Raum von Möglichkeiten dargestellt.
Genauso
wie Atome und Moleküle sind auch die Angehörigen sozialer
Gruppen Teile desselben Systems. Sie teilen sich ihre Nahrung,
atmen die gleiche Luft, sind durch ihren Geist und ihre Sinne
wechselseitig miteinander verknüpft und interagieren ständig.
Wenn sie getrennt werden, können die Teile des sozialen Systems
eine nichtlokale oder untrennbare Verbundenheit behalten,
vergleichbar der in der Quantenphysik zu beobachtenden
Verbundenheit.
Wenn
dies der Fall ist, dann könnten morphische Felder im Sinne der
Quantentheorie neu interpretiert werden. Dies würde auf eine
enorme Ausweitung der Quantentheorie hinauslaufen, die dann auch
die biologische und die soziale Organisation umfassen müsste.
Das kann durchaus ein Schritt sein, den die Physik tun muss.
Ich
habe mich mit dem Quantenphysiker David Bohm über den
Zusammenhang zwischen der Idee der morphischen Felder und seiner
Theorie der impliziten Ordnung unterhalten, einer «eingehüllten»
Ordnung, die der expliziten Ordnung zugrunde liegt - der
entfalteten Welt, wie wir sie erfahren. Bohms Theorie, die auf
der Untrennbarkeit von Quantensystemen beruht, erwies sich als
außerordentlich kompatibel mit meinen eigenen Darlegungen.
Diese Zusammenhänge sind auch von dem amerikanischen
Quantenphysiker Arnit Goswami sowie dem deutschen
Quantenphysiker Hans-Peter Dürr untersucht worden.
Aber
möglich ist auch, dass morphische Felder ein völlig neuartiges
Feld darstellen, das noch nicht in irgendeiner Weise von der
Physik beschrieben worden ist. Dennoch hätten sie mehr mit den
Feldern der Quantentheorie gemein als mit Gravitationsfeldern
oder elektromagnetischen Feldern. Ich möchte mich nun mit
Beweisen befassen, die mit dem räumlichen Aspekt morphischer
Felder zusammenhängen, und dann mit Beweisen, die die
morphische Resonanz betreffen.
Experimente
zu morphischen Feldern
Bislang
ist es mir noch nicht gelungen, mir potentiell entscheidende
Experimente auszudenken, um die Existenz von morphischen Feldern
innerhalb von Molekülen, Kristallen, Mikroorganismen, Pflanzen
und Tieren zu überprüfen. Morphische Felder wirken zusammen
mit bekannten Arten von Feldern und Gradienten, und im
allgemeinen lassen sich die Wirkungen morphischer Felder nur
schwer von möglichen Wirkungen chemischer Gradienten, von
Genen, elektromagnetischen Feldern und anderen bekannten Arten
der Verursachung trennen. Doch das Auftreten von morphischen
Resonanzwirkungen (siehe unten) würde die Existenz solcher
Felder implizieren und damit einen indirekten Beweis für ihre
Existenz liefern.
Am
einfachsten kann man morphische Felder direkt testen, indem man
mit Gesellschaften von Organismen arbeitet. Individuen lassen
sich so voneinander trennen, dass sie nicht mehr mit normalen
sinnlichen Mitteln miteinander kommunizieren können. Wenn es
zwischen ihnen noch immer zu einem Informationsaustausch kommt,
würde dies die Existenz von Bindungen oder wechselseitigen
Verknüpfungen von der Art implizieren, wie sie morphische
Felder darstellen.
Als
ich nach Belegen für feldartige Verbindungen zwischen Angehörigen
einer sozialen Gruppe zu suchen begann, entdeckte ich, daß ich
mich in Bereiche begab, von denen die Wissenschaft noch sehr
wenig versteht. So weiß beispielsweise niemand, warum
Gesellschaften von Termiten so koordiniert sind, dass diese
kleinen, blinden Insekten komplexe Nester mit einer
komplizierten Innenarchitektur bauen können. Niemand versteht,
wieso Vogelscharen oder Fischschwärme die Richtung so rasch ändern
können, ohne dass die einzelnen Tiere miteinander zusammenstoßen.
Und niemand weiß, wie die sozialen Bande beim Menschen
beschaffen sind.
Ein
besonders vielversprechendes Gebiet für diese Art von Forschung
sind die Bande zwischen Menschen und Haustieren, von denen in
diesem Buch die Rede war.
Nach
der Hypothese der Formenbildungsursachen erstrecken sich
morphische Felder über das Gehirn hinaus in die Umwelt, wobei
sie uns mit den Objekten unserer Wahrnehmung verbinden und auf
diese durch unsere Absichten und unsere Aufmerksamkeit einwirken
können. Dies ist ein weiterer Aspekt der morphischen Felder,
der sich für experimentelle Tests eignet. Dies würde bedeuten,
dass wir aufgrund solcher Felder Dinge beeinflussen können,
indem wir sie einfach anschauen - allerdings lässt sich das
nicht durch die konventionelle Physik erklären. So sind wir
beispielsweise vielleicht in der Lage, jemanden zu beeinflussen,
indem wir ihn von hinten anschauen, wobei er auf keine andere
Weise wissen kann, dass wir ihn anstarren.
Das
Gefühl, von hinten angestarrt zu werden, ist tatsächlich eine
weitverbreitete Erfahrung. Experimente deuten bereits daraufhin,
dass es ein reales Phänomen ist (siehe sechzehntes Kapitel).
Anscheinend lässt es sich weder durch Zufall noch durch die
bekannten Sinne, noch durch die derzeit von den Physikern
anerkannten Felder erklären.
Die
ungelösten Probleme der Navigation, Migration und des
Heimfindverhaltens von Tieren beruhen vielleicht auch auf
unsichtbaren Feldern, die die Tiere mit ihren Zielen verbinden.
Sie könnten praktisch wie unsichtbare Gummibänder wirken, die
sie mit ihrem Zuhause verknüpfen. In der Sprache der Dynamik
ausgedrückt, kann dieses Zuhause als Attraktor gelten.
Die
morphische Resonanz in der Biologie
Wenn
es so etwas wie morphische Resonanz gibt, dann müssten die Form
ebenso wie das Verhalten von Organismen ein immanentes Gedächtnis
besitzen. Wie dies bei der morphischen Resonanz generell der
Fall ist, werden dann seit langem bestehende Muster der
Morphogenese und des Instinktverhaltens so stark gewohnheitsmäßig
sein, dass sich keine Veränderungen feststellen lassen. Nur im
Falle von neuen Entwicklungs- und Verhaltensmustern kann die
Bildung von Gewohnheiten beobachtet werden.
Experimente
mit Fruchtfliegen haben bereits gezeigt, dass derartige Effekte
auf dem Gebiet der Morphogenese vorkommen können.
Viele
Indizien sprechen auch dafür, dass sich Verhalten bei Tieren
rasch entwickeln kann, als ob sich ein kollektives Gedächtnis
durch morphische Resonanz bildet. Insbesondere sind Anpassungen
im großen Maßstab im Verhalten domestizierter Tiere auf der
ganzen Welt beobachtet worden. 1947 beispielsweise hat Roy
Bedichek, seinerzeit ein bekannter texanischer Naturforscher, über
Veränderungen im Verhalten von Pferden geschrieben, die er im
Laufe seines Lebens wahrgenommen habe:
«Vor
fünfzig Jahren noch wurde frank und frei erklärt, dass
Stacheldraht nie für Pferdeweiden verwendet werden könnte.
Erschrockene oder herumtollende Pferde rasten direkt hinein,
schnitten sich die Kehle auf oder rissen sich große
Fleischfetzen von der Brust, und keineswegs tödliche Wunden
oder bloße Kratzer wurden von Schmeißfliegenlarven befallen.
Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als man auf
texanischen Farmen oder Ranches kaum ein Pferd fand, das nicht
verängstigt war von schlimmen Erfahrungen mit Stacheldraht...
Aber im Laufe eines halben Jahrhunderts hat das Pferd gelernt,
sich vor Stacheldraht zu hüten. Fohlen rasen nur selten hinein.
Der ganzen Spezies ist eine neue Angst beigebracht worden.
Als
die ersten Automobile auftauchten, ging es im Pferdewagenverkehr
drunter und drüber... Fahrzeuge gingen zu Bruch, und viele
Leute brachen sich das Genick, als sie zu Pferd dem Automobil
begegneten und das Tier daran gewöhnen wollten. Der Ruf nach
Gesetzen wurde laut, Automobile von Pferden fernzuhalten...
[Aber] die Haustiere haben generell ihre ursprüngliche Angst
vor der Lokomotive wie vor dem Automobil verloren.»
Bei
dieser Veränderung geht es nicht einfach nur darum, dass Fohlen
von ihren Müttern lernen. Selbst wenn sie noch nie auf
Stacheldraht gestoßen oder Autos begegnet und von älteren und
erfahreneren Pferden getrennt sind, reagieren die Jungtiere
heute generell nicht mehr so wie ihre Vorfahren vor 100 Jahren.
Ein
anderes Beispiel. Rancher im gesamten amerikanischen Westen
haben herausgefunden, dass sie sich viel Geld für Weideroste
sparen können, wenn sie statt dessen falsche verwenden - sie
malen einfach Streifen quer über die Straße. Echte Weideroste
bestehen aus einer Reihe paralleler Stahlrohre oder -schienen
mit Lücken dazwischen, so dass das Vieh nicht darüber
hinweglaufen kann, und jeder Versuch, dies zu tun, stellt eine
schmerzhafte Erfahrung dar. Doch heute unternimmt das Vieh nicht
einmal den Versuch, diese Roste zu überqueren. Die vorgetäuschten
Roste funktionieren genauso wie die echten. Wenn sich das Vieh
ihnen nähert, hat mir ein Rancher erklärt, «treten sie mit
allen vier Beinen auf die Bremse».
Beruht
das bloß darauf, dass Kälber vom älteren Vieh lernen, diese
Roste nicht zu überqueren? Offenbar nicht. Mehrere Rancher
haben mir gesagt, dass auch Herden, die noch nie echten
Weiderosten begegnet waren, die falschen meiden. Und Ted Friend
von der Texas A & M University hat die Reaktion von mehreren
hundert Stück Vieh auf gemalte Roste getestet und
herausgefunden, dass unerfahrene Tiere sie genauso meiden wie
diejenigen, die schon einmal auf echte Roste gestoßen sind.
Auch Schafe und Pferde zeigen eine Aversion dagegen, gemalte
Roste zu überqueren. Diese Aversion kann durchaus auf
morphischer Resonanz von früheren Angehörigen der Spezies
beruhen, die auf schmerzhafte Weise gelernt haben, sich vor
Weiderosten zu hüten.
Es
gibt viele solcher Beispiele. Auch Daten von Laborversuchen mit
Ratten und anderen Tieren zeigen, dass derartige Effekte
vorkommen. Am bekanntesten sind Experimente, in denen
aufeinanderfolgende Generationen von Ratten gelernt haben, aus
einem Wasserlabyrinth zu entkommen. Im Laufe der Zeit ist es
Ratten in Laboratorien auf der ganzen Welt gelungen, dies immer
schneller zu tun.
Bislang
ist auf dem Gebiet des tierischen Lernverhaltens nur ein
spezifisch abgestimmter experimenteller Test der morphischen
Resonanz durchgeführt worden. Dieses Experiment mit einen Tag
alten Küken fand im Labor eines Skeptikers statt, bei Steven
Rose an der Open University in England. Jeden Tag wurde Scharen
von frisch geschlüpften Küken ein kleines gelbes Licht (eine
Leuchtdiode) gezeigt, und sie pickten genauso danach wie nach
jedem anderen auffallenden kleinen Objekt in ihrer Umgebung.
Anschließend wurde ihnen eine Chemikalie injiziert, die bei
ihnen eine leichte Übelkeit hervorrief. Sie assoziierten das
Gefühl der Übelkeit mit dem Picken nach dem gelben Licht, und
danach vermieden sie es, danach zu picken, wenn es ihnen wieder
gezeigt wurde. (Diese rasche Form des Lernens nennt man «konditionierte
Abneigung».) Zur Kontrolle wurde einer gleich großen Zahl von
Küken eine kleine verchromte Perle vorgesetzt. Nachdem sie
danach gepickt hatten, wurde ihnen eine normale Salzwasserlösung
injiziert, die keine nachteiligen Wirkungen hatte und keine
Abneigung dagegen hervorrief, nach der Chromperle zu picken,
wenn sie ihnen wieder vorgesetzt wurde. Dieses Experiment ging
von der Idee aus, dass spätere Scharen von frisch geschlüpften
Küken eine zunehmende Abneigung aufweisen würden, nach dem
gelben Licht zu picken, wenn es ihnen zum erstenmal gezeigt würde,
und zwar aufgrund der morphischen Resonanz von den vorherigen Küken.
Sie würden auf ein kollektives Gedächtnis der Abneigung zurückgreifen,
und je mehr Küken eine Abneigung gegenüber dem gelben Licht «eingeimpft»
würde, desto stärker würde dieser Effekt auftreten. Bei den
Kontrollküken hingegen wäre keine derartige Abneigung gegenüber
der Chromperle zu erwarten. Tatsächlich entwickelten
nachfolgende Scharen von Küken, denen die gelbe Leuchtdiode
vorgesetzt wurde, eine zunehmende Abneigung dagegen, wie dies
auf der Grundlage der morphischen Resonanz vorhergesagt war.
Dieser Effekt war statistisch gesehen signifikant.
Morphische
Resonanz beim menschlichen Lernverhalten
Die
morphische Resonanz erlaubt viele Folgerungen, was das Verständnis
des menschlichen Lernverhaltens betrifft, zu dem auch die
Aneignung von Sprachen gehört. Aufgrund des kollektiven Gedächtnisses,
auf das einzelne Menschen zurückgreifen und zu dem sie ihren
Beitrag leisten, sollte es im allgemeinen leichter sein, das zu
lernen, was andere zuvor gelernt haben.
Diese
Vorstellung entspricht ziemlich genau den Beobachtungen von
Linguisten wie Noam Chomsky, die dargelegt haben, dass der
Spracherwerb bei kleinen Kindern so rasch und kreativ erfolgt,
dass er sich nicht einfach durch Nachahmung erklären lässt.
Die Struktur der Sprache ist anscheinend auf irgendeine Weise
ererbt. In seinem Buch Der Sprachinstinkt führt Steven Pinker
viele Beispiele an, die diese Idee bestätigen.
Dieser
Prozess ist besonders verblüffend bei der Entwicklung neuer
Sprachen, der sehr rasch vonstatten gehen kann. Wenn Menschen,
die verschiedene Sprachen sprechen, sich miteinander verständigen
müssen, aber die Sprache des anderen nicht beherrschen,
bedienen sie sich eines Notbehelfs, einer sogenannten
Mischsprache wie dem Pidgin- Englisch - holpriger Wortfolgen,
die der Sprache der Kolonisatoren entlehnt sind -, ohne sich
dabei groß um die Grammatik zu kümmern. Aber in vielen Fällen
ist aus so einer Mischsprache auf einen Schlag eine vollständige
komplexe Sprache geworden, wie etwa das Kreolische. Eine Gruppe
kleiner Kinder muss dann nur mit der Mischsprache in einem Alter
konfrontiert werden, in dem sie ihre Muttersprache erlernt.
Historisch gesehen passierte dies vermutlich in Gruppen von
Sklavenkindern, die von einem Arbeiter gemeinsam gehütet
wurden, der zu ihnen auf Pidgin-Englisch sprach. «Da die Kinder
sich nicht damit zufriedengaben, die fragmentarischen Wortfolgen
zu reproduzieren, fügten sie eine komplexe Grammatik ein, wo
zuvor noch keine existierte, und schon war eine ganz neue,
ausdrucksstarke Sprache geboren.»
Noch
bemerkenswerter ist die Entwicklung neuer Zeichensprachen. In
Nicaragua beispielsweise gab es bis vor kurzem überhaupt keine
Zeichensprache, und darum waren gehörgeschädigte Menschen
isoliert. Als die Sandinistas 1979 an die Macht kamen, wurden
die ersten Schulen für Gehörgeschädigte errichtet.
«Die
Schulen konzentrierten sich darauf, die Kinder im Lippenlesen
und im Sprechen zu drillen, und wie immer, wenn dies versucht
wird, waren die Ergebnisse kläglich. Aber das spielte keine
Rolle. Auf den Spielplätzen und in den Schulbussen erfanden die
Kinder ihr eigenes Zeichensystem und kombinierten es mit den
Befehlsgesten, derer sie sich zu Hause bei ihren Familien
bedienten. Nach kurzer Zeit entwickelte sich aus diesem System
das, was man heute die Lenguaje de Signos Nicaragüense (LSN)
nennt.»
Dieser
Pidgin-Zeichensprache bedienen sich inzwischen gehörgeschädigte
Jugendliche, die die Schule besuchten, als sie zehn Jahre oder
älter waren. Ganz anders verhält es sich bei jungen Leuten,
die etwa mit vier Jahren auf die Schule kamen, als LSN bereits
existierte. Sie «sprechen» eine viel komplexere und
ausdrucksvollere Sprache, die man als Idioma de Signos Nicaragüense
(ISN) bezeichnet. Diese kreolische Sprache mit ihrer logischen
Grammatik wurde mit einem Schlag geschaffen. Dazu Pinker: «Vor
unseren Augen wurde eine Sprache geboren.»
Die
ererbten Pläne, die das Erlernen existierender und die
Entwicklung neuer Sprachen ermöglichen, sind nicht bloß
allgemeine Prinzipien, die aus logischen Gründen in allen
Sprachen vorhanden sein müssen. Es sind eher willkürliche
Konventionen, die auch unterschiedlich gewesen sein könnten.
Pinker: «Es ist, als ob voneinander isolierte Erfinder auf
wundersame Weise identische Buchstabenbelegungen von
Schreibmaschinentastaturen oder Morsezeichen oder
Verkehrszeichen entwickelt hätten.»
Chomsky
wie Pinker nehmen an, dass die Fähigkeit zum Erlernen von
Sprache von einer Kodierung für universale Strukturen in der
DNS abhängig sein muss, die allen Sprachen gemeinsam sind. Sie
halten es für selbstverständlich, daß jede Erbinformation in
den Genen verankert ist, und müssen daher die Existenz einer
universalen Grammatik unterstellen, weil kleine Kinder aller
ethnischen Gruppen in der Lage zu sein scheinen, jede Sprache zu
erlernen ein von einer finnischen Familie adoptiertes
vietnamesisches Baby beispielsweise lernt ohne Schwierigkeiten
Finnisch.
Die
morphische Resonanz bietet eine einfachere Erklärung. Das
kleine Kind steht in Resonanz sowohl mit den Menschen, die in
seiner Umgebung sprechen, als auch mit den Millionen, die die
Sprache in der Vergangenheit gesprochen haben. Die morphische
Resonanz ermöglicht ihm das Erlernen der Sprache, wie sie
andere Arten von Lernen möglich macht. Genauso befördert die
morphische Resonanz den Erwerb von Zeichensprachen durch Gehörgeschädigte,
die sich in frühere Benutzer dieser Sprachen einschalten. Es
ist gar nicht erforderlich, die Existenz von Genen für normale
wie für Zeichensprachen zu unterstellen, die latent in der DNS
aller Menschen schlummern.
Natürlich
ist diese Interpretation der Sprachaneignung durch
Formenbildungsursachen spekulativ. Aber das ist auch die Theorie
von Genen für eine hypothetische universale Grammatik. Pinker
selbst räumt ein: «Niemand hat bislang ein Grammatik-Gen
lokalisiert.»
Veränderungen
des menschlichen Leistungsvermögens im Laufe der Zeit
Eine
Möglichkeit, die Effekte morphischer Resonanz in einem größeren
Maßstab zu studieren, bieten bereits existierende Mengen
quantitativer Daten über das menschliche Leistungsvermögen,
die im Laufe von vielen Jahren erhoben wurden. Weist das
menschliche Leistungsvermögen im Laufe der Zeit die Tendenz
auf, sich zu steigern? Offensichtlich ist dies bei Fertigkeiten
wie Snowboardfahren und Computerprogrammieren der Fall.
Aber
derartige Steigerungen sind nur selten quantitativ dokumentiert,
und die Lage ändert sich ständig aufgrund von technischen
Neuerungen, einer größeren Verbreitung der entsprechenden Geräte
und Ausrüstung, besseren Lehrern, sozialen und wirtschaftlichen
Kräften und so weiter. Irgendwelche morphischen Resonanzeffekte
ließen sich nur schwer im einzelnen nachweisen, selbst wenn
entsprechende quantitative Daten existierten.
Eines
der wenigen Gebiete, auf denen detaillierte quantitative Daten
über Zeiträume von Jahrzehnten zur Verfügung stehen, sind die
IQ- (Intelligenzquotient-) Tests. Um 1980 ging mir auf, dass,
falls es so etwas wie morphische Resonanz gibt, die
durchschnittliche Leistungsfähigkeit bei IQ-Tests zunehmen müsste,
nicht weil die Menschen intelligenter werden, sondern weil sich
IQ-Tests leichter absolvieren lassen würden - infolge der
morphischen Resonanz von den Millionen Menschen, die sich ihnen
bislang bereits unterzogen haben.
Ich
suchte nach Daten, mit denen sich diese Hypothese testen ließe.
Ich konnte weder eine Erörterung dieser Frage noch irgendwelche
veröffentlichten Daten finden. Daher faszinierte es mich, als
sich 1982 herausstellte, dass sich die durchschnittlichen
IQ-Testergebnisse in Japan ein Jahrzehnt nach dem Zweiten
Weltkrieg um drei Prozent erhöht hatten. Kurz darauf wurde
festgestellt (zur Erleichterung vieler Amerikaner), dass die IQs
in den USA sich mit einer ähnlichen Rate erhöht hatten.
Dieser
Effekt wurde in Amerika erstmals von James Flynn bei der
Untersuchung der Intelligenztests der US-Militärbehörden
entdeckt. Flynn fand heraus, dass Rekruten, die im Vergleich zu
ihren Altersgefährten nur durchschnittlich intelligent waren,
über dem Durchschnitt lagen, wenn sie mit Rekruten einer
vorhergehenden Generation verglichen wurden, die exakt den
gleichen Test absolviert hatten. Niemand hatte diesen Trend
bemerkt, weil Tester routinemäßig nur Einzelergebnisse mit
anderen Angehörigen der gleichen Altersgruppe verglichen, die
zur gleichen Zeit getestet wurden - zu irgendeiner Zeit wurde
das durchschnittliche IQ-Ergebnis per definitionem mit 100
angesetzt.
Inzwischen
hat Flynn ermittelt, dass vergleichbare Zuwächse auch in 20
anderen Ländern, unter anderem in Australien, Deutschland,
Frankreich, Großbritannien und Holland, zu verzeichnen sind. Es
wurde immer wieder versucht, diesen «Flynn-Effekt» zu erklären,
aber bislang ist dies nicht gelungen. So lässt sich dieser
Effekt beispielsweise so gut wie gar nicht auf die Übung im
Absolvieren solcher Tests zurückführen. Derartige Tests werden
ohnehin seit einigen Jahren nicht mehr so häufig durchgeführt.
Auch eine bessere Bildung kann diesen Effekt nicht erklären,
ebenso wenig, wie einige Wissenschaftler meinen, die Zunahme der
Zeit, die fürs Fernsehen aufgewendet wird. Die IQ-Ergebnisse
begannen sich schon Jahrzehnte vor der Einführung des
Fernsehens in den fünfziger Jahren zu erhöhen, und dem
Fernsehen wurde, wie Flynn ironisch anmerkt, gewöhnlich «ein
Verblödungseinfluss» zugeschrieben, «bis sich dieser Effekt
einstellte». Je mehr Forschungen inzwischen betrieben wurden,
desto mysteriöser ist der Flynn-Effekt geworden. Flynn selbst
bezeichnet ihn als «rätselhaft». Aber die morphische Resonanz
könnte eine natürliche Erklärung liefern.
Wenn
sich der Flynn-Effekt tatsächlich durch morphische Resonanz
erklären lässt, dann zeigt sich, dass derartige
Resonanzeffekte relativ gering sind. Wenn Millionen von IQ-Tests
nur zu einem Anstieg von ein paar Prozent führen, dann werden
die Effekte der morphischen Resonanz bei Experimenten mit ein
paar hundert oder bestenfalls ein paar tausend Menschen wohl zu
gering sein, um sie überhaupt vor dem «statistischen Rauschen»
aufgrund der großen Leistungsschwankungen bei den einzelnen
Testpersonen ausmachen zu können.
Implikationen
Die
Hypothese der Formenbildungsursachen hat in allen
Wissenschaftszweigen weitreichende Implikationen.
In
der Chemie, der Kristallographie und der Molekularbiologie kann
man erkennen, dass molekulare und kristalline Formen nicht von
ewigen, unveränderlichen Gesetzen bestimmt sind, sondern sich
entwickeln und eine Art von Gedächtnis besitzen. Die
Erforschung des Gedächtnisses im molekularen und kristallinen
Bereich könnte letztlich zu bedeutenden technischen Anwendungen
führen, etwa zu neuartigen Computern, die durch morphische
Resonanz miteinander vernetzt und mit globalen
Kollektivspeichern ausgestattet sind.
In
der Biologie kann man erkennen, dass die Entwicklung von Tieren
und Pflanzen von unsichtbaren Organisationsfeldern gestaltet
wird, den Trägern der Vorfahrengewohnheiten. Zur Entwicklung
biologischer Formen gehört nicht nur die Entwicklung von
Gen-Pools, sondern auch die Entwicklung der morphischen Felder
der Spezies. Durch diese Felder lassen sich, wie schon Charles
Darwin angenommen hat, erworbene Anpassungen vererben. Und wenn
sich neue Gewohnheiten bilden, kann die Evolution infolge von
morphischer Resonanz viel rascher vonstatten gehen und sich
ausbreiten, als wenn sie nur von dem Transfer von Mutationsgenen
von den Eltern zum Nachwuchs abhängt.
Instinkte
beruhen auf den gewohnheitsmäßigen Verhaltensfeldern der
Spezies, die die Tätigkeit des Nervensystems prägen - sie
werden von Genen beeinflusst und auch durch morphische Resonanz
vererbt. Durch morphische Resonanz können sich neu erlernte
Verhaltensmuster in einer Spezies verbreiten. Das Erlernen
dieser neuen Fertigkeiten kann im Laufe der Zeit - während sie
immer gewohnheitsmäßiger werden - zunehmend leichter werden.
In
der Psychologie lassen sich die Geistestätigkeiten als Felder
interpretieren, die mit den physiko-chemikalischen Aktivitätsmustern
im Gehirn interagieren. Aber diese Felder sind nicht auf das
Gehirn beschränkt, sondern erstrecken sich über den Körper
hinaus in die Umwelt hinein. Diese erweiterten mentalen Felder
liegen der Wahrnehmung und dem Verhalten zugrunde. Sie ermöglichen
es auch, dass sich «paranormale» Phänomene wie das Gefühl
des Angestarrtwerdens so interpretieren lassen, dass sie als
normal erscheinen. Das persönliche Gedächtnis kann als
Selbstresonanz aus der Vergangenheit eines Menschen verstanden
werden - man braucht nicht mehr davon auszugehen, dass alle
Erinnerungen als flüchtige materielle «Spuren» im Gehirn
gespeichert werden müssen. Eine weniger spezifische Resonanz
mit unzähligen anderen Menschen in der Vergangenheit verbindet
uns alle mit dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft
und Kultur und letztlich mit dem kollektiven Gedächtnis der
gesamten Menschheit.
Persönliche
und kollektive Gewohnheiten unterscheiden sich nicht von ihrer
Art, sondern von ihrem Ausmaß her - beide beruhen auf
morphischer Resonanz. Dieses neue Verständnis des Gedächtnisses
könnte dem Verständnis des Lernens generell neue Impulse
vermitteln und durchaus wichtige Anwendungsmöglichkeiten in
Erziehung und Bildung zur Folge haben. Unterrichtsmethoden, die
die morphische Resonanz von jenen Menschen maximieren, die in
der Vergangenheit die gleiche Sache gelernt haben, könnten zu
einem effizienteren und rascheren Lernen führen.
Die
morphischen Felder sozialer Gruppen würden dazu beitragen,
viele ansonsten rätselhafte Aspekte der sozialen Organisation
zu erklären, wie das Verhalten gesellschaftsbildender Insekten,
von Vogelschwärmen und von menschlichen Gesellschaften. Die
Sozialwissenschaften könnten eine neue theoretische Grundlage
erhalten, und neue Wege der Forschung würden sich auftun. Das
Verständnis kultureller Formen als morphischer Felder würde
ebenso unser Verständnis des kulturellen Erbes wie den Einfluß
der Ahnen auf unser Leben revolutionieren. Richard Dawkins hat für
die «Einheiten der kulturellen Übertragung» den Begriff «Meme»
geprägt, und solche Memes lassen sich als morphische Felder
interpretieren. Die morphische Resonanz würde auch ein neues
Licht auf viele religiöse Praktiken und Rituale werfen. Selbst
wissenschaftliche Paradigmen lassen sich als morphische Felder
verstehen, die durch morphische Resonanz stabilisiert werden und
dazu tendieren, zunehmend gewohnheitsmäßig und unbewusst zu
werden, je häufiger sie wiederholt werden.
Der
gesamte Kosmos erscheint mittlerweile als evolutionär. Die
Felder von Atomen, Molekülen, Kristallen, Planeten, Sternen und
Galaxien entwickeln sich, und wie die morphischen Felder
biologischer Organismen ist auch ihre Evolution der natürlichen
Auslese unterworfen. Die Hypothese der Formenbildungsursachen
stellt somit eine Möglichkeit dar, den Entwicklungsprozess in
der ganzen Natur und nicht bloß im Reich der Biologie zu
erforschen.
Aber
so allgemein die Implikationen dieser Hypothese auch sein mögen,
gibt es dafür doch eine entscheidende innere Grenze. Sie mag
zwar als Erklärung dafür dienen, wie Organisationsmuster
wiederholt werden - aber sie erklärt nicht, wie sie überhaupt
entstehen. Sie lässt die Frage der evolutionären Kreativität
offen. Die Idee von den Formenbildungsursachen ist mit einer
Reihe verschiedener Theorien von Kreativität vereinbar, die von
der Vorstellung, alles Neue sei letztlich eine Frage des
Zufalls, bis hin zur Idee der göttlichen Kreativität reichen.
Aus:
Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der Tiere. Scherz
Verlag 1999, S. 354-373


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