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ES
KRACHTE IN DER TAIGA
Obwohl
einige Berichte des sommerlichen Infernos schon
wenige Tage danach in lokalen russischen Journalen
erschienen, bleibt das Ereignis fast 20 Jahre lang
nahezu unerforscht. Das mag unter anderem an
der Unzugänglichkeit des Tatorts liegen,
dessen nächste Siedlung Wanowara etwa 65
Kilometer Luftlinie entfernt ist. Die ersten
Expeditionen dorthin mussten nicht nur mit der
Unwegsamkeit des Geländes und seiner Flüsse kämpfen,
sondern auch mit Mücken und Verbrennungen im
kurzen Sommer, und Erfrierungen im Winter,
sowie mit schnell schrumpfendem Proviant und
fehlender medizinischer Betreuung. Vieles, was
wir heute darüber wissen, verdanken wir der
Zähigkeit und Ausdauer von Leonid Kulik,
der von 1921 bis 1942 mehrere Expeditionen in das
Zerstörungsgebiet leitete. Das 1966 bei Pergamon
erschienene Buch Giant Meteorites von Jewgeni L. Krinow
enthält spannende Orginalberichte.
Vor allem aber wissen wir von Augenzeugen
aus 30 bis 100 Kilometer Entfernung vom "Hexenkessel", dem
auch als "Amphitheater" bezeichneten
Zentralgebiet der Zerstörung - er hat eine ungefähre
Ausdehnung von fünf Kilometern - dass es an
jenem letzten Junimorgen nicht nur brannte, stürmte und
krachte, sondern dass dabei auch ein langer
Graben und viele tiefe Löcher entstanden. Der
Graben wurde von den späteren Expeditionen
nicht gefunden, wohl aber Dutzende
trichterförmiger Löcher, mit einem Durchmesser
bis zu 50 Meter; viele von ihnen waren inzwischen
mit Wasser gefüllt.
Die Expeditionen untersuchten einige der Trichter gründlich,
unter ihnen das Suslow-Loch, weil man sie als Einschlagskrater von Teilen des
zerborstenen Meteoriten wähnte.
Nachdem man den Suslow-Trichter trockengelegt
hatte - durch einen langen, vier
Meter tiefen Graben - fand man statt Eisen und Nickel
einen noch verwurzelten Baumstumpf, unweit vom
Tiefstpunkt. Ganz offensichtlich war dieses Loch
nicht durch einen Einschlag entstanden.
Andererseits datierte man seine Entstehung - mit
Hilfe seines Moosbewuchses - auf 1908, und ein
Kiefernzapfen in seiner Böschung war
vermutlich Ende Juni desselben Jahres
gefallen. Auch enthielt die Böschung große
eben begrenzte Eiseinschlüsse. War dieser
Riesentrichter von unten heraufgesprengt worden?
Man war zu überzeugt von dem Meteoriteneinschlag,
als dass man dieser Alternative nachgegangen wäre.
Doch alles Suchen nach Überresten des
zerborstenen Geschosses blieb vergebens, obwohl
seine errechnete Masse von 200.000 Tonnen
hätte ausreichen sollen, um eine
zwei Millimeter dicke Schicht an Gesteinsstaub
zu hinterlassen. Statt dessen fand man eine
große Zahl angebrannter Wurzelstöcke, ohne
dass ihre Herkunft ersichtlich gewesen wäre.
Sie müssen von weit her geschleudert
worden sein, aus Gebieten, die nie
identifiziert worden sind. Kamen sie zum
Beispiel aus dem Suslow-Loch?
DIE
PUZZLESTEINE DER
KATASTROPHE
Unverstanden
blieb auch das Muster der umgeworfenen, entästeten
und geköpften Bäume, besonders in der
Nahzone. Aus Kuliks Luftaufnahmen von 1938-39 entstand eine
Zeichnung, die offensichtlich mindestens
zwei, aber eher mehr als vier
Zentren der Zerstörung zeigt - ebenso
viele wie Krater im Hexenkessel (Kulik selbst ist
im Zweiten Weltkrieg gestorben, seine Aufnahmen sind verschwunden).
Erst in der Fernzone, jenseits von 5
Kilometer Distanz, geht das Muster der gefallenen
Bäume in ein ungefähr radiales über, folgt
jedoch den Tälern.
Dabei gibt es sowohl Inseln der
Zerstörung als auch Inseln, wo Bäume überlebten,
sowohl in der Nahzone als auch in der Fernzone. Nach einer
von Krinow gefertigten Profilskizze
bleiben oft Bäume in den Tälern unversehrt,
Bäume an den Hängen von Hügeln
verloren ihre Wipfel, am Gipfel wurden sie
ganz entwurzelt. Offenbar hat es
horizontal geblasen. Wer also verursachte die
Verwüstungen nord-nordwestlich vom Baikal-See, ein
Meteorit oder ein vulkanischer Auswurf? Meine
Meinung hierzu wurde durch ausführliche
Arbeit im Internet von Andrei Yu. Ol`khovatov
geprägt, die auf die Widersprüchlichkeiten
der externen Erklärungen und die
Ähnlichkeit zu anderen "internen" Vorfällen
hinweist. Von beiden Sorten gibt es alljährliche
Beispiele.
Durch eine der größten meteoritischen Katastrophen
entstand der Chicxulub-Krater auf der
Yucatan-Halbinsel - verursacht vor 65 Millionen
Jahren durch ein Geschoss mit der Masse von einer Billion
Tonnen. Näher zur Gegenwart, vor 50 000
Jahren, entstand der Arizona Krater,
geschlagen von einem eisenhaltigen
Meteoriten der Masse drei Millionen
Tonnen; und wahrscheinlich stürzte 1863 bei Wabar
(Saudi-Arabien) ein 3000 Tonnen schwerer, eisenhaltiger
Meteorit ein.
Wenn man diese drei Beispiele durch
über 100 kleinere, gegenwartsnähere ergänzt, erkennt
man, dass die Häufigkeit der großen Einschläge
mit ihrer Masse abnimmt. Ein Einschlag der Größe von Tunguska
wäre höchstens einmal in 1000 Jahren zu
erwarten - nicht einmal in 100 Jahren. Daneben gibt
es viel häufigere Katastrophen vulkanischen Ursprungs:
nicht nur die rund 200 wohlbekannten Vulkane, die alle
paar 100 Jahre ausbrechen, sondern auch die Schlammvulkane
Südasiens, die Kimberlite in Südafrika, oder die Maare
der Eifel. |
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In den letzten zehn Jahren gab es Zerstörungen
in der Hudson Bay in Kanada, Honduras, Cando in Spanien, Banjawarn in West-Australien,
Jerzmanovice in Polen, Perth in Australien, Sasovo bei Moskau und
Petrosavodsk in Sibirien. Schätzt man die jeweiligen
Energien der Zerstörung ab, so liegen die
internen Ereignisse gleicher Häufigkeit bei fast 100mal höheren
Werten als die externen. Verdirbt Tunguska die Statistik?
Aber warum fand man Wurzelstöcke fern von
ihrem einstigen Standort? Warum verloren noch hohe Kiefern in 60
Kilometer Entfernung ihre Wipfel, wurden Männer in Wanowara zu
Boden geworfen und spürten die Verbrennungswärme in
ihren Gesichtern? Zwei Mädchen am Brunnen flüchteten vor dem
erwarteten Steinhagel in ihre Häuser, 65 Kilometer vom Katastrophenherd
entfernt, während der Boden unter ihnen schwankte. Eine derartige Explosion verlangt
das plötzliche Ausströmen von rund zehn Millionen Tonnen Erdgas.
Jeder neu geblasene Ausström-Trichter hört sich an
wie Kanonendonner. Augenzeugen berichten von 14 oder
mehr solchen Schüssen.
DIE
HELLEN NÄCHTE DER
KATASTROPHE
Ol`khovatov
betont, dass sich Tunguska im Schnittpunkt dreier
tektonischer Faltungslinien befindet, im Zentrum des einstigen
"Kulikowski-Vulkankraters". So wird verständlich, dass bei der
Auswertung von Augenzeugenberichten über Einsturzrichtung
des vermeintlichen Meteoriten nie Einmütigkeit erzielt werden
konnte. Dass der Boden wirklich lange Zeit bebte, beweist
unter anderem das in Irkutsk aufgenommene Seismogramm, das eineinhalb
Stunden lang Erregungen wechselnder Stärke registrierte. Und
die in England und Deutschland aufgenommenen Barogramme,
in Entfernungen bis zu 5700 Kilometer, ähneln denen nuklearer
Explosionen (bei der vorhandenen Zeitauflösung).
Wie lassen sich die hellen Nächte in Europa verstehen, vom 30.
Juni bis zum 2. Juli, bei denen man noch um
Mitternacht im Freien Zeitung lesen konnte? Hierfür
muss das Sonnenlicht in Höhen bis zu 1000 Kilometern
gestreut werden, wahrscheinlich durch kleine Eiskristalle
(Schneeflocken) wie in Wolken. Solche Flöckchen sind
zwar in Bodennähe bis zu tausendmal schwerer als Luft, fallen aber nur
langsam im Schwerefeld der Erde, weil sie sich an der umgebenen Luft reiben.
Gewöhnlich bilden sich Wolken nur in der Troposphäre, bis hinauf zu
zehn bis zwölf Kilometern, weil sich der Wasserdampf beim
Aufsteigen abkühlt und schließlich völlig in Tropfen auskondensiert und
abregnet. Ausnahmen bilden die Pilze nuklearer
Explosionen, die bis zu Höhen von 30 Kilometern
aufsteigen, sowie gelegentliche Wölkchen meteoritischer Herkunft
nahe der Mesopause, in 85 Kilometer Höhe. Aber für die
hellen Nächte von Tunguska müssen sich Schneeflöckchen bei
noch zehn mal größerer Höhe bilden! So etwas hatte man
zuvor nur bei dem Vulkanausbruch von Krakatau
(1883) beobachtet. Solche Höhen erreichen nur Moleküle, die
höchstens gleich schwer sind wie atomarer Sauerstoff:
Wasserstoff, Helium, Methan und Wasserdampf, die häufigsten
Bestandteile vulkanischer Gase. Wenn genug davon freigesetzt
werden, können diese Gase die sogenannte Exosphäre erreichen, von
wo aus der Wasserstoff die Erde auf Nimmerwiedersehen verlässt.
Auch können sich noch hier oben Schneeflöckchen
bilden und wenige Tage lang halten, falls ausreichend
injiziert; einige Tonnen Erdgas reichen.
Als weiteres Indiz für ein vulkanisches Ereignis kann genannt werden,
dass die hellen Nächte einen Tag "zu früh"
begannen, am 29. Juni: Bekanntlich machen sich größere Erdbeben
bereits mehrere Stunden bis Tage vor den Hauptstößen
durch Ausgasung bemerkbar die Bodendecke hält bei
dem zunehmenden Druck von unten nicht mehr dicht.
Ferner wurden beim Suchen nach Meteorüberresten Diamanten
gefunden, auch Spuren von Magnetit, Nickel sowie Iridium. Alle diese Funde
sind neuerdings vertraut als vulkanische Auswürfe, unterstützt wird
diese These zum Beispiel von Thomas Gold in seinem erst kürzlich erschienenen
Buch The Deep Hot Biosphere. Wegen ihres hohen Gewichts sind die Elemente
Nickel und Iridium zum Großteil in den Kern der
Erde gesunken, werden aber bei vulkanischen Auswürfen
wieder an die Oberfläche gefördert.
© 1999 W.
Kundt
Professor Wolfgang Kundt wurde 1931 in Hamburg geboren, studierte
dort bei Pascual Jordan Theoretische Physik mit Schwerpunkt Allgemeine Relativitätstheorie und ist
seit 1978 Astrophysiker an der Bonner Universität.
Seine über 270 Publikationen gelten neuerdings nicht nur den vermeintlichen
schwarzen Löchern, sondern auch den Kernproblemen in der Planeten-, Geo- und
Bio-Physik. Die wichtigsten zum Thema: Current Science 81: 399-407 (2001) +
europhysics news 33/2: 65-66 (2002).
Internet: http://www.astro.uni-bonn.de/~wkundt/
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