TUNGUSKA FEUER
EINSTURZ ODER AUSWURF?

Von Professor Wolfgang Kundt

 

 

 

                     

 

 

Am frühen Morgen des 30. Juni 1908 schien im fernen Sibirien der Weltuntergang nahe: Der Boden bebte, der Himmel über der Taiga wurde durch Feuersäulen gespalten, und es krachte und dröhnte wie Artilleriefeuer. Luftdruckwellen wurden noch in Irland registriert; sogar noch ein zweites mal einen Tag später, nach einer Erdumrundung. Nachts wurde es in Europa nicht dunkel. Was war geschehen? Noch heute, 91 Jahre später, ist die Antwort offen. Die meisten Forscher sind der Meinung, dass es sich bei der Katastrophe um einen Meteoriteneinschlag, etwa einen steinigen Asteroiden oder einen eisigen Kometen gehandelt hat. Doch Professor Wolfgang Kundt vom Institut für Astrophysik an der Universität Bonn ist da anderer Meinung; er behauptet, dass hinter dem Tunguska-Feuer ein vulkanischer Auswurf steckt - ähnlich der Entstehung eines Maars in der Eifel - und ruft mit seiner "Außenseiter-Meinung" die Forscher zur Diskussion auf.

 

ES  KRACHTE  IN  DER  TAIGA

Obwohl einige Berichte des sommerlichen  Infernos schon wenige Tage danach in lokalen russischen Journalen  erschienen, bleibt das Ereignis fast  20 Jahre lang nahezu unerforscht.  Das mag unter anderem an der  Unzugänglichkeit  des Tatorts liegen, dessen nächste Siedlung Wanowara  etwa  65 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Die ersten  Expeditionen  dorthin mussten nicht nur mit der Unwegsamkeit des Geländes und seiner Flüsse kämpfen, sondern  auch mit  Mücken und Verbrennungen im  kurzen Sommer,  und Erfrierungen im Winter, sowie mit schnell schrumpfendem  Proviant und fehlender  medizinischer Betreuung.  Vieles, was wir heute darüber wissen, verdanken wir der  Zähigkeit und  Ausdauer von  Leonid Kulik,  der  von 1921 bis 1942 mehrere Expeditionen in das  Zerstörungsgebiet leitete. Das 1966 bei Pergamon erschienene Buch Giant Meteorites von Jewgeni L.Krinow  enthält spannende Orginalberichte.
Vor allem  aber  wissen  wir von Augenzeugen aus 30 bis 100 Kilometer Entfernung vom "Hexenkessel", dem auch als "Amphitheater"  bezeichneten  Zentralgebiet der Zerstörung - er hat eine ungefähre  Ausdehnung  von fünf Kilometern - dass es an jenem letzten Junimorgen nicht nur brannte, stürmte und krachte,  sondern  dass dabei auch ein langer  Graben und viele  tiefe Löcher entstanden. Der  Graben  wurde  von den späteren Expeditionen  nicht gefunden,  wohl  aber  Dutzende trichterförmiger Löcher,  mit einem Durchmesser  bis  zu 50 Meter; viele von ihnen waren inzwischen mit Wasser gefüllt.
Die Expeditionen untersuchten einige der  Trichter gründlich, unter ihnen das Suslow-Loch, weil man sie als Einschlagskrater von Teilen des zerborstenen Meteoriten wähnte.
Nachdem  man den Suslow-Trichter trockengelegt hatte - durch  einen langen, vier  Meter tiefen Graben - fand man statt Eisen und Nickel  einen noch verwurzelten Baumstumpf, unweit vom Tiefstpunkt. Ganz offensichtlich war dieses Loch  nicht  durch  einen  Einschlag entstanden. Andererseits datierte man seine Entstehung  - mit Hilfe seines Moosbewuchses - auf 1908, und ein Kiefernzapfen in  seiner Böschung  war vermutlich Ende Juni desselben Jahres gefallen. Auch enthielt die Böschung große,  eben  begrenzte Eiseinschlüsse. War dieser  Riesentrichter von unten her  aufgesprengt worden?  Man war zu überzeugt von dem Meteoriteneinschlag, als dass man dieser Alternative nachgegangen wäre. Doch alles  Suchen nach Überresten  des  zerborstenen  Geschosses blieb vergebens, obwohl seine errechnete Masse von 200.000  Tonnen  hätte  ausreichen sollen, um eine  zwei Millimeter dicke Schicht an Gesteinsstaub  zu hinterlassen. Statt dessen fand man eine  große Zahl angebrannter Wurzelstöcke, ohne dass ihre Herkunft  ersichtlich  gewesen wäre.  Sie müssen von weit her
geschleudert  worden  sein, aus Gebieten, die  nie identifiziert worden  sind. Kamen sie zum  Beispiel  aus dem Suslow-Loch?


DIE  PUZZLESTEINE  DER
KATASTROPHE

Unverstanden blieb auch das Muster  der umgeworfenen, entästeten  und geköpften Bäume, besonders  in  der Nahzone. Aus Kuliks Luftaufnahmen von 1938-39 entstand eine Zeichnung, die offensichtlich mindestens zwei, aber  eher mehr als vier  Zentren der  Zerstörung  zeigt  - ebenso viele wie Krater im  Hexenkessel. (Kulik selbst ist im Zweiten Weltkrieg gestorben; seine Aufnahmen sind  verschwunden). Erst in der Fernzone, jenseits von 5 Kilometer  Distanz, geht das Muster  der gefallenen  Bäume  in ein ungefähr radiales über, folgt  jedoch den Tälern.
Dabei  gibt  es  sowohl  Inseln der Zerstörung als auch Inseln, wo  Bäume überlebten, sowohl in  der Nahzone als auch in der Fernzone. Nach einer von Krinow gefertigten  Profilskizze bleiben oft  Bäume in  den  Tälern unversehrt,  Bäume  an den  Hängen  von Hügeln verloren ihre Wipfel,  am  Gipfel wurden sie ganz  entwurzelt. Offenbar  hat es horizontal geblasen. Wer also verursachte die Verwüstungen nord-nordwestlich vom Baikal-See, ein Meteorit oder ein vulkanischer  Auswurf?  Meine Meinung  hierzu  wurde  durch ausführliche Arbeit  im Internet von  Andrei Yu. Ol`khovatov geprägt, die  auf die Widersprüchlichkeiten der "externen" Erklärungen  und  die Ähnlichkeit  zu anderen "internen" Vorfällen hinweist. Von beiden Sorten gibt es alljährliche Beispiele.
Durch eine der größten meteoritischen  Katastrophen entstand der Chicxulub-Krater  auf der Yucatan-Halbinsel -  verursacht vor 65 Millionen Jahren durch ein Geschoss mit der Masse von einer Billion Tonnen. Näher  zur  Gegenwart, vor 50 000 Jahren, entstand  der  Arizona  Krater,  geschlagen von  einem eisenhaltigen  Meteoriten  der Masse drei  Millionen  Tonnen; und wahrscheinlich stürzte  1863 bei Wabar (Saudi-Arabien) ein 3000 Tonnen schwerer, eisenhaltiger Meteorit ein.
Wenn man diese  drei Beispiele durch  über 100 kleinere, gegenwartsnähere ergänzt, erkennt  man, dass die  Häufigkeit der großen Einschläge mit ihrer Masse abnimmt. Ein  Einschlag der Größe von Tunguska  wäre höchstens einmal  in 1000 Jahren zu erwarten - nicht einmal in  100 Jahren. Daneben gibt es viel häufigere Katastrophen vulkanischen Ursprungs: nicht nur die rund 200 wohlbekannten Vulkane, die alle paar 100 Jahre ausbrechen, sondern auch die Schlammvulkane Südasiens, die Kimberlite in Südafrika, oder die Maare der Eifel. In den letzten zehn Jahren gab es Zerstörungen in der Hudson Bay in Kanada, Honduras,

 

Cando in Spanien, Banjawarn in West-Australien, Jerzmanovice in Polen,  Perth in Australien, Sasovo bei Moskau und Petrosavodsk in Sibirien. Schätzt  man  die jeweiligen  Energien  der Zerstörung  ab,  so  liegen die internen  Ereignisse  gleicher  Häufigkeit bei fast 100mal höheren Werten als die externen. Verdirbt Tunguska  die Statistik?
Aber warum fand  man  Wurzelstöcke  fern von  ihrem einstigen Standort?  Warum verloren noch hohe  Kiefern in 60 Kilometer Entfernung ihre Wipfel,  wurden  Männer in Wanowara zu Boden geworfen  und  spürten  die Verbrennungswärme in ihren Gesichtern? Zwei Mädchen am Brunnen flüchteten vor dem erwarteten Steinhagel in ihre Häuser, 65 Kilometer vom Katastrophenherd entfernt, während  der  Boden  unter ihnen  schwankte. Eine derartige Explosion verlangt das plötzliche Ausströmen von rund zehn Millionen Tonnen Erdgas. Jeder neu geblasene  Ausström-Trichter hört  sich an wie Kanonendonner. Augenzeugen  berichten  von  14 oder  mehr solchen Schüssen.


DIE  HELLEN  NÄCHTE  DER
 KATASTROPHE

Ol`khovatov  betont,  dass  sich Tunguska  im Schnittpunkt  dreier  tektonischer Faltungslinien befindet, im  Zentrum des einstigen "Kulikowski-Vulkankraters". So wird verständlich, dass bei der Auswertung von Augenzeugenberichten über  Einsturzrichtung  des vermeintlichen Meteoriten nie Einmütigkeit erzielt werden konnte. Dass der Boden  wirklich  lange Zeit  bebte, beweist unter anderem das in Irkutsk aufgenommene Seismogramm, das eineinhalb Stunden  lang Erregungen  wechselnder Stärke registrierte. Und die in England  und  Deutschland aufgenommenen Barogramme,  in Entfernungen bis zu 5700 Kilometer, ähneln denen nuklearer Explosionen (bei der vorhandenen Zeitauflösung).
Wie lassen sich  die hellen Nächte  in Europa verstehen, vom 30. Juni bis  zum 2. Juli, bei denen man  noch  um  Mitternacht im  Freien  Zeitung lesen konnte? Hierfür muss das Sonnenlicht in Höhen bis  zu  1000  Kilometern gestreut werden, wahrscheinlich durch  kleine Eiskristalle (Schneeflocken) wie  in Wolken.  Solche Flöckchen  sind  zwar in Bodennähe bis zu tausendmal schwerer als  Luft, fallen aber nur langsam im Schwerefeld der Erde, weil sie sich an der umgebenen Luft reiben.
Gewöhnlich bilden sich Wolken nur  in der Troposphäre, bis hinauf zu  zehn  bis zwölf Kilometern, weil sich der Wasserdampf beim Aufsteigen abkühlt und schließlich völlig in Tropfen auskondensiert und abregnet. Ausnahmen  bilden die  Pilze  nuklearer  Explosionen,  die bis zu Höhen von 30  Kilometern  aufsteigen, sowie gelegentliche  Wölkchen meteoritischer Herkunft nahe der Mesopause, in  85  Kilometer Höhe. Aber für die hellen Nächte von Tunguska müssen sich Schneeflöckchen bei  noch zehn mal  größerer Höhe bilden! So  etwas hatte man  zuvor nur bei dem Vulkanausbruch  von Krakatau  (1883) beobachtet. Solche Höhen  erreichen nur Moleküle, die höchstens gleich schwer  sind  wie atomarer Sauerstoff: Wasserstoff, Helium, Methan und Wasserdampf,  die häufigsten Bestandteile vulkanischer Gase. Wenn genug davon  freigesetzt  werden, können diese Gase die sogenannte Exosphäre erreichen,  von wo aus der Wasserstoff  die Erde  auf Nimmerwiedersehen verlässt. Auch  können  sich  noch hier oben Schneeflöckchen  bilden  und wenige  Tage  lang halten, falls ausreichend injiziert; einige Tonnen Erdgas reichen.
Als weiteres Indiz für ein vulkanisches Ereignis kann genannt werden,  dass die  hellen  Nächte einen Tag "zu früh" begannen, am  29. Juni: Bekanntlich machen sich  größere Erdbeben bereits mehrere  Stunden  bis  Tage vor den Hauptstößen durch  Ausgasung bemerkbar;  die Bodendecke hält  bei  dem zunehmenden Druck von unten nicht mehr dicht.
Ferner wurden beim Suchen nach Meteorüberresten Diamanten gefunden, auch Spuren von Magnetit, Nickel sowie Iridium. Alle diese Funde sind neuerdings vertraut als vulkanische Auswürfe, unterstützt wird diese These zum Beispiel von Thomas Gold in seinem erst kürzlich erschienenen Buch The Deep Hot Biosphere. Wegen ihres hohen Gewichts sind die Elemente  Nickel und Iridium zum  Großteil  in  den Kern  der  Erde  gesunken, werden aber bei vulkanischen  Auswürfen  wieder  an die Oberfläche gefördert.


 

© 1999 W. Kundt
Professor  Wolfgang Kundt  wurde 1931 in Hamburg geboren, studierte dort bei Pascual Jordan
Theoretische Physik mit Schwerpunkt Allgemeine Relativitätstheorie und ist seit 1978 Astrophysiker
an der Bonner Universität.
Seine über 270 Publikationen gelten neuerdings nicht nur den vermeintlichen schwarzen Löchern, sondern auch den Kernproblemen in der Planeten-, Geo- und Bio-Physik. Die wichtigsten zum Thema: Current Science 81: 399-407 (2001) + europhysics news 33/2: 65-66 (2002).

Internet: http://www.astro.uni-bonn.de/~wkundt/

 

© 2000 (auf Wunsch Prof. Kundt's Überarbeitet 4/2009)  -  Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Kundt  (Webgestaltung: Torsten Migge) 


 



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